Für traumatisierte Geflüchtete wird in Deutschland zu wenig getan

In Deutschland ist es für traumatisierte Flüchtlinge nach wie vor schwierig, die Behandlung und (psycho-) soziale Beratung zu erhalten, die sie für eine Genesung benötigen. Zu diesem Ergebnis kommt die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer – BAfF e.V. – in einem 5-Jahres-Rückblick auf ihre Versorgungsdaten. Die erhoffte Öffnung des Gesundheitssystems für geflüchtete Menschen hat sich in den vergangenen Jahren nicht eingestellt. Noch immer müssen tausende Menschen, die um Unterstützung angefragt haben, abgelehnt werden.

Die Zahlen aus dem Versorgungsbericht der BAfF zeigen, dass die Angebote der spezialisierten Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (PSZ) stärker nachgefragt werden denn je. Es konnten zwar über 21.000 Klient*innen versorgt werden – doppelt so viele wie noch 5 Jahre zuvor. Da sich die Anzahl der Geflüchteten in Deutschland jedoch im gleichen Zeitraum verdreifacht hat, kann der Bedarf an Psychotherapie und psychosozialer Unterstützung bei weitem nicht gedeckt werden. Ginge man davon aus, dass bei etwa 30 % der in Deutschland lebenden Geflüchteten ein Behandlungsbedarf abgeklärt und gegebenenfalls adressiert werden müsste, dann beträgt der Anteil, der von den PSZ und ihren Partnern in der Regelversorgung abgedeckt wird, lediglich 6,1 %.

Über 7.000 Geflüchtete, die in einem PSZ um Unterstützung angefragt haben, mussten abgewiesen werden, die Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz liegt im Durchschnitt bei 7,3 Monaten. In den Metropolregionen, in denen sich die meisten Einrichtungen befinden, warten traumatisierte Geflüchtete 9 Monate und in einigen Zentren sogar bis zu zwei Jahre auf eine Therapie.

„Wir haben gehofft, dass sich das reguläre Gesundheitssystem mehr für geflüchtete Menschen öffnet und traumatisierte Flüchtlinge auch vermehrt von niedergelassenen Psychotherapeut*innen aufgenommen werden“, berichtet Lea Flory, eine der beiden Autorinnen des Versorgungsberichts. „Nach 5 Jahren sehen wir hier aber nur wenige Verbesserungen.“ Die BAfF hat es sich zur Aufgabe gemacht, Psychotherapeut*innen, Ärzt*innen und Behörden zu sensibilisieren und zu schulen, damit sich diese für Geflüchtete öffnen und diese regulär mitversorgen, wie es auch ihre Aufgabe wäre. „Doch unter den aktuellen strukturellen Bedingungen, bleiben die Prozesse zäh. Die Daten zeigen, dass die Situation vor allem im ländlichen Raum und in den ostdeutschen Bundesländern desaströs ist. Vermittlungen ins Regelsystem sind hier schlicht unmöglich“, kritisiert die Psychologin Lea Flory.

Der Anteil der Therapien, die von den Kostenträgern – den Sozialämtern, den Kassen und den Jugendämtern – übernommen wird, liegt in den Psychosozialen Zentren seit vielen Jahren konstant bei zwischen 6 und 8 %. „Die Politik muss verstehen, dass das zu wenig ist, um geflüchtete Menschen nachhaltig und effizient zu versorgen. Geflüchtete, die Folter und andere schwere Menschenrechtsverletzungen erlebt haben, brauchen einen sicheren Ort, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Die Politik kann dazu beitragen, indem sie das Versorgungssystem der PSZ so institutionalisiert, dass Klient*innen hier dauerhaft eine verlässliche Anlaufstelle finden, die nicht jedes Jahr aufs Neue um ihre Finanzierung und ihr Weiterbestehen fürchten muss“, fordert die Psychologin Jenny Baron, die zweite Autorin des Versorgungsberichts der BAfF.

 

Die Zahlen und Auswertungen zur psychosozialen Versorgung von Flüchtlingen und Folteropfern in Deutschland wurden von der BAfF in einer 5. aktualisierten Auflage des Versorgungsberichts herausgegeben. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse des 160-seitigen ausführlichen Berichts finden sich in einem 5-seitigen Factsheet.

 

Der Versorgungsbericht online als pdf: http://www.baff-zentren.org/wp-content/uploads/2019/11/BAfF_Versorgungsbericht-5.pdf

Das Factsheet online als pdf: http://www.baff-zentren.org/wp-content/uploads/2019/11/Versorgungsbericht-5_Fact-Sheet.pdf