Lange Wartezeiten und mehr Ablehnungen – aktualisierte Daten zur psychosozialen Versorgung von Geflüchteten

Pressemitteilung, 9.8.2018

Psychisch erkrankte Geflüchtete finden in Deutschland nur eingeschränkt Zugang zu psychosozialen Unterstützungsangeboten. Nach den Ergebnissen einer Datenerhebung, die jährlich von der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) e.V. durchgeführt wird, können die bundesweit 37 spezialisierten Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge noch immer nur einen Bruchteil der Geflüchteten versorgen, die sich mit Behandlungs- und Beratungsanfragen an sie wenden. Die Wartezeit auf eine Psychotherapie beträgt durchschnittlich 6 Monate, die Ablehnungszahlen sind um 85% gestiegen und die Perspektive für die Einrichtungen und ihre Klient*innen bleibt unsicher.

Mit dem Versorgungsbericht der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) wird jährlich überprüft, inwieweit für traumatisierte Geflüchtete bedarfsgerechte Behandlungsangebote verfügbar, zugänglich und tatsächlich erreichbar sind. Die aktuelle Auflage gibt dabei erstmals auch geflüchteten Klient*innen selbst das Wort. „Geflüchtete haben selten die Gelegenheit, öffentlich auf ihr Schicksal und ihre Interessen aufmerksam zu machen. Deshalb war es uns für diesen Bericht wichtig, die Biographien unserer Klient*innen nicht hinter abstrakten Statistiken verschwinden zu lassen“, kommentiert Lea Flory, eine der beiden Autorinnen.

Im Versorgungsbericht der BAfF beschreiben Klient*innen der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge, wie sie Krieg, Verfolgung und Flucht er- und überlebt haben und was sie jetzt brauchen, um hier einen sicheren Ort zu finden. Die Autor*innen verknüpfen diese Perspektiven mit Länderinformationen zu den Regionen aus denen die Gesprächspartner*innen fliehen mussten und kontextualisieren sie durch Hintergrundwissen zu psychischen Erkrankungen bei Geflüchteten. Sie stellen vor, welche Versorgungsangebote in den 37 Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer bestehen und wo sie zentrale Versorgungsdefizite identifizieren, denen sich Politik und Verwaltung annehmen sollten.

So hätten die Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer im Jahr 2016 zwar insgesamt 17.674 Klient*innen versorgt – die Versorgungskapazität sei also um 25% gestiegen. „Diese zusätzlichen Behandlungsplätze stehen aber in keiner Relation zur Nachfrage“, gibt Jenny Baron zu denken, die für die BAfF seit 2012 Daten zur psychosozialen Versorgung von Geflüchteten erhebt. In einigen Regionen sei die Versorgungssituation so angespannt, dass schwer traumatisierte Geflüchtete bis zu eineinhalb Jahre auf den Beginn ihrer Therapie warten müssen: „Das ist nicht hinnehmbar. Hier entstehen unnötig zusätzliches Leid und vermeidbare Folgekosten. Krisen spitzen sich zu und Menschen, die ambulant gut hätten versorgt werden können, müssen stationär aufgenommen werden.“ Auch die Zahl der Geflüchteten, für die aus Kapazitätsgründen nicht einmal ein Platz auf der Warteliste vergeben werden konnte, sei im Berichtszeitraum um 85% gestiegen. Die Zahl der Ablehnungen sei mit über 10.000 Personen pro Jahr inzwischen sogar höher als die Anzahl der Geflüchteten, die von den Zentren neu aufgenommen werden konnten.

Die Kapazitätsprobleme der Zentren seien dabei eng mit der eingeschränkten Zugänglichkeit des Gesundheitssystems für Geflüchtete verbunden. So würden 93% der Psychotherapien in den Psychosozialen Zentren durch Projekt- und Spendengelder sowie in der Regel zeitlich begrenzte Zuschüsse aus Bundes- und Landesmitteln finanziert und nicht durch die eigentlich verantwortlichen Kostenträger des Gesundheits- und Sozialsystems, d.h. die Sozialbehörden, die Krankenkassen und die Jugendämter. Hier werde deutlich, wie abhängig die Psychosoziale Versorgung von Geflüchteten – eigentlich eine staatliche Aufgabe – noch immer von begrenzten und zeitlich instabilen Projektmitteln sowie von privaten Zuschüssen sei: „Gesundheitliche Versorgung sollte aber kein humanitärer Akt sein“, wendet Baron ein. „Gesundheit ist ein Menschenrecht, das allen hier lebenden Personen diskriminierungsfrei gewährt werden muss.“

Angesichts der langen Wartezeiten und der hohen Ablehnungszahlen in den Psychosozialen Zentren identifiziert die BAfF akuten Handlungsbedarf. Der Verband fordert einen gleichberechtigten Zugang für Geflüchtete zu den Strukturen des Gesundheitssystems. Dazu gehöre auch, Sprachmittlung als notwendigen Bestandteil der Krankenbehandlung sicherzustellen und das Versorgungsangebot der 37 Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer durch eine nachhaltige Finanzierungsstruktur abzusichern.

Zum Versorgungsbericht der BAfF (pdf): http://www.baff-zentren.org/veroeffentlichungen-der-baff/versorgungsberichte-der-baff/

Zur Bestellung der Printversion: http://www.baff-zentren.org/veroeffentlichungen-der-baff/shop/

 

Kontakt:

Bundesweite Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer – BAfF e.V.

Paulsenstr. 55-56 | 12163 Berlin

Web: www.baff-zentren.org

 

Ansprechpartnerinnen:

Dipl.-Psych. Jenny Baron

Telefon: +49 (0)30 – 820 973 55

Mobil: +49 (0)160 948 698 93

E-Mail: jenny.baron@baff-zentren.org

 

Dipl.-Psych. Lea Flory

Telefon: +49 (0)30 – 820 973 56

E-Mail: lea.flory@baff-zentren.org

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