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Klient*innen in den Psychosozialen Zentren

Wie viele Klient*innen versorgen die Psychosozialen Zentren?

Insgesamt haben die 40 Psychosozialen Zentren im Jahr 2018 über 22.700 Klient*innen versorgt (Σ = 22.746). Ein „durchschnittliches Psychosoziales Zentrum“, gekennzeichnet durch den Mittelwert aller Einrichtungen, konnte über das Jahr hinweg etwa 570 Geflüchtete begleiten (M = 569). Die Unterschiede zwischen den Einrichtungen sind jedoch enorm: Einige neu gegründete Zentren haben im Verlauf des Jahres gerade erst begonnen, Klient*innen aufzunehmen (Min = 32), die drei größten Zentren wiederum versorgten in mehreren Unterabteilungen und zum Teil an mehreren Standorten im gesamten Bundesland über 2.000 Klient*innen (Max = 3.287).

Sieht man sich die Verteilung der Klient*innenzahl in allen PSZ an (siehe Abbildung 1), dann wird deutlich, dass die große Mehrheit der Einrichtungen (30 von 40 PSZ) weniger Klient*innen versorgt, als es der Mittelwert von 569 Klient*innen für ein „durchschnittliches“ PSZ nahelegt. Die Realität in den meisten Einrichtungen wird durch diese Zahl also überschätzt. Näher am Alltag der meisten Zentren ist deshalb der Median-Wert der Klient*innen-Zahlen (Md = 336): Die Hälfte der Psychosozialen Zentren hat 2018 weniger als 336 Klient*innen versorgt, bei der anderen Hälfte lag die Klient*innen-Zahl über diesem Wert.

Abb. 1: Verteilung der Klient*innen-Zahlen in den Psychosozialen Zentren 2018. In der Mehrheit der PSZ liegt die Anzahl der jährlich versorgten Klient*innen unter dem Mittelwert von 569, hier visualisiert als gestrichelte Linie. Der Medianwert, hier dargestellt durch den Beginn der gelben Fläche bei 336 Klient*innen, repräsentiert die Anzahl der jährlich versorgten Klient*innen für die meisten PSZ besser.

Wie viele Klient*innen ein Psychosoziales Zentrum versorgen kann, wird u. a. vom Alter des Zentrums, seiner geografischen Lage, der Angebotsstruktur und der Konzeption der Zentren beeinflusst. So gibt es Psychosoziale Zentren, die vor allem Kurzzeitinterventionen anbieten, andere Zentren binden die Klient*innen in Langzeittherapien an und sehen sie teilweise über Jahre hinweg. Einige Einrichtungen legen auch einen besonderen Fokus darauf, Personen, die in der Regelversorgung angebunden werden können, zu vermitteln und bieten dann teilweise nur noch begleitende sozialarbeiterische Angebote an, während die Psychotherapie durch niedergelassene Kolleg*innen durchgeführt wird. Demgegenüber gibt es Psychosoziale Zentren, die für alle Klient*innen das „Komplettpaket“ anbieten, da z. B. in die Regelversorgung nur schwer vermittelt werden kann. In diesem Fall nehmen die Klient*innen das gesamte multiprofessionelle Angebot des Zentrums in Anspruch, weswegen insgesamt kapazitätsbedingt weniger Personen unterstützt werden können.

Neben konzeptionellen Aspekten ist für die Anzahl der Klient*innen, die ein Zentrum jährlich begleiten kann, vor allem das Alter der Einrichtungen von Bedeutung. Ein typisches Zentrum existiert bereits seit 17 Jahren (Md = 17) – die Hälfte der Zentren wurde zwischen 1979 und 2003 gegründet, die andere Hälfte danach. Die älteren Zentren (vor mehr als 17 Jahren gegründet) versorgen mehr als doppelt so viele Klient*innen (M = 795, Md = 545) wie die jüngeren Einrichtungen (M = 342, Md = 261).

Dabei spielt auch die Angebotsstruktur eine Rolle: Diejenigen Psychosozialen Zentren, die alle Teile des in den Leitlinien der BAfF formulierten multiprofessionellen Leistungsspektrums anbieten (n = 32), begleiten jährlich fast vier Mal so viele Klient*innen (M = 668, Md = 371) wie Zentren, die sich im Moment noch im Aufbau befinden, also nur Teile dieses Leistungsspektrums vorhalten (n = 8; M = 171; Md = 172).

Wichtig sind zudem regionale Faktoren: Die meisten Psychosozialen Zentren befinden sich in metropolitanen Stadtregionen (n = 23). Sie versorgen im Durchschnitt deutlich mehr Klient*innen (M = 665; Md = 516) als die Einrichtungen in regiopolitanen Stadtregionen (n = 13; M = 499; Md = 248). Ein noch deutlicherer Abstand zeigt sich vor allem zu den PSZ, die im stadtregionsnahen ländlichen Raum (n = 2; M/Md = 188) bzw. peripheren ländlichen Regionen arbeiten (n = 2; M/Md = 288).

Wer sind die Klient*innen der Psychosozialen Zentren?

Von den 22.746 Klient*innen, die 2018 von den PSZ versorgt wurden, waren mit 12.116 Klient*innen etwa die Hälfte männlich (53,3 %). 8.488 Klient*innen waren weiblich (37,3 %), zu 2.122 Klient*innen (9,3 %) wurden keine Angaben zu Gender eingepflegt und für 20 Klient*innen gaben die PSZ explizit an, dass sie sich als nicht-binär einordnen.

Der Großteil der Klient*innen in den PSZ sind erwachsene Geflüchtete (88,2 %), Kinder und Jugendliche machen insgesamt 11,8 % der Klient*innen aus. 90 % der Psychosozialen Zentren (36 von 40) versorgen Kinder und Jugendliche. Der Anteil der minderjährigen Klient*innen variiert jedoch enorm: Während einige Zentren eine eigene Kinder- und Jugendabteilung unterhalten und jährlich fast 500 minderjährige Klient*innen begleiten (Max = 489 minderjährige Klient*innen), ist in anderen Zentren die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen eher die Ausnahme und findet häufig dann statt, wenn bereits andere Familienmitglieder an die Einrichtung angebunden sind (Min = 2 minderjährige Klient*innen). Im Durchschnitt versorgt ein Psychosoziales Zentrum jedes Jahr 45 Kinder und Jugendliche.

Dabei sind 60,1 % der minderjährigen Klient*innen gemeinsam mit ihren Familien nach Deutschland geflohen, 39,9 % sind als unbegleitete minderjährige Geflüchtete (umF) allein eingereist.

Abb. 2: Anteile der Klient*innen im Jahr 2018 nach Gender & Altersstruktur.

Herkunftsländer der Klient*innen

Die Klient*innen der Psychosozialen Zentren kamen 2018 aus 76 verschiedenen Herkunftsländern. Wie auch im Vorjahr bilden Schutzsuchende, die aus Afghanistan geflohen sind, mit einem Viertel der Gesamt-Klient*innen-Zahl (24,3 %) die größte Gruppe, gefolgt von Geflüchteten aus Syrien (14,7 %), den Republiken der Russischen Föderation (8,5 %; dar- unter v.a. aus Tschetschenien), dem Irak und dem Iran sowie aus Guinea, Eritrea, Nigeria, der Türkei und aus Somalia (jeweils zwischen 3,1 und 7,6 %).

Abb. 3: Die 10 Hauptherkunftsstaaten der Klient*innen in den PSZ im Jahr 2018.

Überlebende von Folter in den Psychosozialen Zentren

In vielen dieser Länder erleiden Menschen trotz des weltweit gültigen absoluten Folterverbots systematische Folterhandlungen und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Misshandlungen. Genaue Zahlen über die weltweite Verbreitung von Folter und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen gibt es nicht, eine statistische Ermittlung des globalen Ausmaßes ist unmöglich. Folter steht international unter Strafe und findet im Verborgenen statt, sie wird vertuscht und geleugnet. Amnesty International hat zwischen 2009 und 2014 Folterhandlungen in 141 Ländern dokumentiert – in über der Hälfte dieser Länder wurde systematisch oder routinemäßig gefoltert. Dieser Analyse lagen allerdings ausschließlich Fälle zugrunde, die sich belegen ließen, so dass davon auszugehen ist, dass das tatsächliche Ausmaß deutlich größer ist (Amnesty International, 2014). Neuere umfassende Analysen zur weltweiten Verbreitung von Folter gibt es kaum.

Überlebenden von Folter fällt es oft jahrelang schwer, über ihre demütigenden Erfahrungen zu sprechen, auch Zeug*innen sind oft eingeschüchtert und schweigen deshalb. Oft nutzen Folternde bewusst Formen der Gewalt und Demütigung, die in der Kultur der Opfer besonders tabuisiert und entehrend sind. So finden sich in allen Herkunftsländern von Gewaltüberlebenden weibliche und männliche Opfer sexualisierter Gewalt – eine Form der Misshandlung, die in allen Kulturen die erniedrigendste Form der Demütigung und Entehrung ist (Gurris, 1995; zit. nach Wenk-Ansohn et al., 2019). Epidemiologische Daten sind daher in diesem Bereich aufgrund der starken Tabuisierung kaum zu erfassen (Wenk-Ansohn et al., 2019). Auch im Asylverfahren schaffen es viele Betroffene zunächst nicht, bestimmte Misshandlungen und Gewalterfahrungen als Fluchtgründe darzulegen.

Die Psychosozialen Zentren gaben in der aktuellsten Befragung für durchschnittlich 19 % ihrer Klient*innen an, dass sie Opfer von Folter geworden sind. Im Durchschnitt betreut jedes PSZ 145 Klient*innen, von denen bekannt ist, dass sie Folterüberlebende sind.

Während einige Klient*innen schon sehr früh Unterstützung suchen, zum Beispiel, weil sie im Asylverfahren mit ihren Gewalterfahrungen konfrontiert und nicht allein in der Lage sind, die belastenden Erinnerungen zu sortieren, stehen bei anderen Klient*innen andere Fluchtgründe und Belastungen im Vordergrund, so dass nicht bei allen Klient*innen entsprechende Misshandlungen thematisiert und entsprechend dokumentiert werden.

Ein Mensch schaut in die Ferne, Ansicht von hinten. © Fotorech // pixabay.de

Zu den 19 % der Klient*innen von denen im Verlauf der Begleitung durch das Psychosoziale Zentrum dokumentiert wurde, dass sie im Herkunfts- oder einem Transitland durch staatliche oder nicht-staatliche Akteur*innen gefoltert wurden, kommt ein großer Anteil von Menschen, die im Krieg oder während politischer Unruhen andere schwere Menschenrechtsverletzungen erlitten haben, die nicht unter dem Begriff Folter zusammenzufassen sind. Diese Erfahrungen umfassen meist nicht nur das Miterleben von Bombardierungen und bewaffneten Angriffen, sondern zusätzlich auch folterähnliche systematische Gewalt sowie eine Kumulierung von langandauernden Verfolgungs- und lebensbedrohlichen Situationen, oft verbunden mit einer systematischen Diskriminierung aus ethnischen, religiösen oder geschlechtsspezifischen Gründen. In der Regel lassen diese Erfahrungen und Gründe für eine Flucht sich nicht klar voneinander trennen und sie verstärken sich in ihrem Einfluss.

Mehrfachtraumatisierungen sind bei Geflüchteten deshalb sehr häufig. Auch in einer Befragung von Geflüchteten durch das wissenschaftliche Institut der AOK gaben 31 % der Befragten an, dass sie mehr als drei traumatisierende Gewalterfahrungen gemacht haben (Schröder et al., 2018). Ebenso wie in den Psychosozialen Zentren gaben 19 % der befragten Geflüchteten an, dass sie in ihrem Herkunfts- oder einem Transitland Opfer von Folter geworden sind. Weitere 15% sind Zeug*innen von Folter, Tötungen oder sexueller Gewalt geworden. Darüber hinaus berichteten die Befragten unter anderem von Kriegserlebnissen (60 %), von Angriffen durch das Militär (40 %), der Verschleppung oder dem Verschwindenlassen von Angehörigen (35 %) sowie von Inhaftierungen (16 %). Viele Geflüchtete haben auch im Zusammenhang mit ihrer Flucht Gewalterfahrungen gemacht (29 %) oder andere lebensbedrohliche Situationen (16 %) bzw. schwer belastete Ereignisse erlebt (12 %; Schröder et al., 2018).

Dies ist ein Auszug aus dem 6. Versorgungsbericht der BAfF.