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© Fotorech // pixabay.de

Klient*innen in den Psychosozialen Zentren

Die Bedarfe von geflüchteten Menschen und Überlebenden schwerer Gewalt, Krieg und Verfolgung sind vielschichtig und häufig nicht von einer Berufsgruppe allein abzudecken. In den Psychosozialen Zentren werden Klient*innen deshalb durch ein niedrigschwelliges, multiprofessionell organisiertes Leistungsspektrum unterstützt – umgesetzt durch divers zusammengesetzte Teams aus sozialarbeiterischen, rechtlichen, (psycho)therapeutischen, ärztlichen und weiteren Fachkräften.

Die Klient*innen der Psychosozialen Zentren

Die Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer versorgten im Jahr 2019 insgesamt 24.964 Klient*innen, dies entspricht einem Anstieg von 9,8 % im Vergleich zum Vorjahr. Es wurden etwas mehr männliche (58,0 %), als weibliche (37,7 %) Personen betreut (nicht-binäre Personen: 2,6 %). Insgesamt 12,8 % der Klient*innen waren minderjährig und 3,9 % unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (n=21.083 Klient*innen).

Der Großteil der Klient*innen wurde multiprofessionell unterstützt:

  • 68,8 % der Klient*innen waren über die (Psycho-)Soziale Beratung an Sozialarbeiter*innen oder Psycholog*innen angebunden, wurden stabilisierend begleitet und zu (psycho-)sozialen und asylrechtlichen Problemstellungen beraten;
  • 42,8 % der Klient*innen waren – in der Regel zusätzlich zur Beratung – in psychotherapeutischer Behandlung. Lediglich 14,7 % wurden ausschließlich psychotherapeutisch versorgt und waren nicht in anderen Teilen des multimodalen Leistungsspektrums angebunden;
  • 18,2 % der Klient*innen nahmen weitere Angebote der PSZ wie bspw. kreative, bewegungs- oder bildungsorientiere Angebote wahr (n=13.760 Klient*innen).

Aufenthaltsstatus

Die aufenthaltsrechtliche Situation der Klient*innen in den PSZ unterschied sich deutlich von der aller geflüchteten Menschen, die in Deutschland leben. Während 2019 in Deutschland insgesamt 74,0% aller geflüchteten Menschen[1] einen relativ gesicherten Aufenthalt hatten, traf dies nur auf durchschnittlich 24,6 % der PSZ-Klient*innen zu.

42,2 % der Klient*innen waren 2019 noch im Asylverfahren, weitere 23,1 % waren geduldet. Lediglich 23,4 % hatten eine Aufenthaltserlaubnis und 1,2 % eine Niederlassungserlaubnis (Durchschnittswerte, n=40 PSZ mit insgesamt 21.083 Klient*innen). Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass viele PSZ prioritär Klient*innen mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus und entsprechend schlechteren Chancen auf eine Behandlung durch die gesetzlich verankerte gesundheitliche Regelversorgung[2], aufnehmen.

Hauptherkunftsländer

Die Klient*innen 2019 kamen aus über 100 verschiedenen Herkunftsländern. Die zehn häufigsten Länder waren: Afghanistan (23,5 %), Syrien (14,2 %), Iran (8,0 %), Irak (7,9 %), die Russische Föderation (7,3 %), Nigeria (3,7 %), Guinea (3,3 %), Eritrea (3,2 %), Türkei (2,7 %) und Somalia (2,6 %) (n=12.994 Klient*innen).

Sprachmittlung

Zum interdisziplinären Leistungsangebot der PSZ gehört die enge Zusammenarbeit mit Sprachmittler*innen, damit eine Versorgung von Menschen ohne oder mit geringen Deutschkenntnisse/n überhaupt stattfinden kann. 2019 fanden 59,4 % aller Beratungen/Therapien in den PSZ mit Sprachmittlung statt.

Klient*innen in Psychotherapie

Insgesamt wurden 2019 6.454 Klient*innen psychotherapeutisch behandelt (n=40 PSZ). Eine deutliche Mehrheit (82,3 %) davon wurde im einzeltherapeutischen Setting behandelt. 17,7% waren ausschließlich oder teilweise in gruppentherapeutische Angebote integriert (Durchschnittswerte, n=35 PSZ).

Ungedeckter Versorgungsbedarf

Ginge man gemäß der Studienlage zu psychischen Erkrankungen bei Geflüchteten davon aus, dass bei rund 30 % der in Deutschland lebenden geflüchteten Menschen ein Behandlungsbedarf abgeklärt werden[3] und bei Bedarf eine Versorgung erfolgen müsste, konnten die Psychosozialen Zentren und ihre Kooperationspartner 2019 nur 5,8 % des potentiellen Versorgungsbedarfs abdecken. Diese Versorgungsquote ergibt sich aus den folgenden Daten:

  • 1.839.115 geflüchtete Menschen in Deutschland 2019,
  • 551.735 geflüchtete Menschen mit Traumfolgestörung (bei 30 % Prävalenz),
  • 24.964 Klient*innen in den PSZ,
  • 6.782 Vermittlung an weitere Akteure.

Kostenübernahmen

Der Anteil der Psychotherapien für geflüchtete Menschen, die in den PSZ nicht durch Spenden- und Projektgelder finanziert, sondern tatsächlich mit den gesetzlich verantwortlichen Kostenträgern abgerechnet werden konnte, ist weiterhin gering geblieben. So wurden 2019 44,1 % der Anträge für eine Kostenübernahme über die Sozialämter abgelehnt. Hingegen beträgt die Ablehnungsquote bei gesetzlich versicherten Patient*innen in der Regelversorgung 2,6 %.[4] (n=40 PSZ)

Auch die 2015 eingeführte Möglichkeit einer Ermächtigung für Psychosoziale Zentren[5] konnte kaum angewendet werden. So verfügten lediglich 14,3 % der PSZ über eine institutionelle oder persönliche Ermächtigung (n=35).

Wartezeit

2019 betrug die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz in den PSZ 6,9 Monate (n= 35 PSZ). Damit waren die Wartezeiten für die PSZ-Klient*innen deutlich höher als unter Patient*innen in der Regelversorgung, die durchschnittlich 4,3 Monate auf eine Richtlinien-Psychotherapie warten mussten.[6]

Ablehnungen

Über 11.8oo Personen, die 2019 die Unterstützung in den Psychosozialen Zentren suchten, konnten – meistens aufgrund mangelnder Kapazitäten – nicht versorgt werden (n=40 PSZ). Sie wurden weder in ein anderes Angebot außerhalb des Zentrums vermittelt, noch auf die Warteliste gesetzt.


[1] mit anerkanntem Schutzstatus, Statistisches Bundesamt (2019). Schutzsuchende Ergebnisse des Ausländerzentralregisters 2019 Fachserie 1 Reihe 2.4

[2] Zur gesundheitlichen Regelversorgung gehören alle medizinischen Leistungen, auf die gesetzlich Versicherte einen Anspruch haben und die i.d.R. über die gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden. Im Kontext dieses Berichts werden damit niedergelassene Psychotherapeut*innen und Ärzt*innen sowie Kliniken gemeint. Die PSZ werden nicht als Teil der Regelversorgung bezeichnet, weil ihre Leistungen zum größten Teil nicht über gesetzlich geregelte Wege finanziert werden.

[3] Steel, Z., Chey, T., Silove, D., Marnane, C., Bryant, R. A., & van Ommeren, M. (2009). Association of Torture and Other Potentially Traumatic Events With Mental Health Outcomes Among Populations Exposed to Mass Conflict and Displacement: A Systematic Review and Metaanalysis. JAMA: The Journal of the American Medical Association, 302(5), 537–549: https://doi.org/10.1001/jama.2009.1132

[4] Kassenärztliche Bundesvereinigung (2019). Gutachtenstatistik 2019. URL: https://www.kbv.de/media/sp/2020_12_15_Gutachtenstatistik_2019_final.pdf

[5] Bundesgesetzblatt (2015). Verordnung zum Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz vom 24. Oktober 2015. Bundesgesetzblatt 2015 Teil I Nr. 41. Verfügbar unter: https://tinyurl.com/ygzslmu3

[6] Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung (2021). Psychotherapie: Fragen für eine gerechte Versorgung. Mitteilung vom 25.01.2021 auf aerzteblatt.de: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/120474/Psychotherapie-Fragen-fuer-eine-gerechte-Versorgung


Dies ist ein Auszug aus dem Datenbericht 2019 der BAfF.