Was beschäftigte uns 2017? – Elise Bittenbinder im Gespräch zum Tätigkeitsbericht der BAfF für das Jahr 2017

Wie haben sich die politischen und gesetzlichen Veränderungen im Jahr 2017 auf die Arbeit der Psychosozialen Zentren und damit auch auf die Arbeit der BAfF als deren Dachverband ausgewirkt? Was hat uns besonders beschäftigt und in welchen Projekten sind wir tätig? All das stellen wir in unserem neuen Tätigkeitsbericht der BAfF für das Jahr 2017 vor. Der Bericht ist hier online als pdf verfügbar.

 

Liebe Frau Bittenbinder, 2017 war stark geprägt durch den Bundestagswahlkampf. Bereits früh im Jahr haben die Parteien dazu ihre politischen Profile geschärft – das ging über polemische Äußerungen bis hin zu weiteren Asylrechtseinschränkungen. Wie hat sich das politische Jahr 2017 auf die Arbeit der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer ausgewirkt?

Elise Bittenbinder: Die vielen Veränderungen, die Verlagerung der gesellschaftlichen Stimmung noch weiter nach rechts und weitere rechtlichen Einschränkungen merkt man natürlich auch in den Psychosozialen Zentren. In den Teams ist ein größeres Maß an Unsicherheit vorhanden. Da entsteht das Gefühl, weniger tun zu können, weniger effektiv helfen zu können. Gerade, weil Menschen in einer extremen Notsituation zu uns kommen. Die Mitarbeiter*innen sehen immer mehr Grenzen, gegen die sie da anrennen – sowohl durch die Asyl- und Abschiebepolitik, als auch durch bürokratische Hürden. Gleichzeitig denke ich, dass wir auch ein Stück weit Angst haben, dass unsere Vision zerrieben wird vom gesellschaftlichen Rechtsruck. Was wir dann aber tun können, ist, uns immer und immer wieder unsere positive Einstellung, unsere Menschlichkeit erkämpfen. Und uns Gehör verschaffen! Und das ist etwas, was wir in den vergangenen Jahren geschafft haben. Heute verstehen die Politiker*innen und die Verwaltung, dass die gesundheitliche Versorgung und die Rehabilitation von Menschen, die extreme Gewalt erlebt haben, wichtig sind. Und dafür müssen Konzepte entstehen, die sinnvoll sind und über eine Notversorgung hinausgehen. Dafür hat unsere Gesellschaft auch eine Verpflichtung übernommen, der sie nachkommen muss.

 

War das auch für die BAfF eine der Herausforderungen im Jahr 2017?

Ja, eine der größten Herausforderungen war es tatsächlich, diesem ganzen negativen Bild etwas Positives entgegenzusetzen und unsere Vorstellungen von Hilfe und Unterstützungsarbeit zu bewahren. Denn gerade auch die Atmosphäre von Verzweiflung und Hass und Angst hat ja auch den Bundestagswahlkampf geprägt. Wir haben dann gemeinsam mit den Zentren die Kampagne #whywecare gestartet, um all die Motivation und das ganze Engagement zu zeigen, das es gibt und das oftmals nicht gesehen wird. Oder eben nicht den nötigen Rückhalt findet in Politik und Verwaltung. Und auch die Aktion mit dem Forum Menschenrechte ging in diese Richtung und war eine Aufforderung an alle: #EinstehenFürMenschenrechte, gemeinsam für die Rechte von allen Menschen kämpfen. Meine persönliche Triebfeder war und ist auch hier: Menschen vertrauen uns ihre ganzen persönlichen Geschichten, das Leid und die Entmenschlichung, die sie erleben mussten, an und das verpflichtet uns. Dafür wurden die Zentren geschaffen – um einen Raum dafür zu bieten, der über die professionelle Versorgung hinausgeht. Deshalb verstehen wir uns als professionell Helfende, die auch in besonderer Weise den Menschenrechten verpflichtet sind.
Ich glaube, wir befinden uns gerade an einem Wendepunkt und ich bin sehr besorgt, was die gesellschaftliche Stimmung angeht. Da müssen wir alle mit anpacken. Wir sind hier auch unseren Klient*innen verpflichtet, dass wir ihre Anliegen in die öffentliche Diskussion tragen. Und dafür waren diese Kampagnen da – um den problematischen Diskursen etwas entgegenzusetzen. Und zwar neben den Fakten, die wir vermitteln, zusätzlich etwas positiv Besetztes zu tragen – Werte und Hoffnungen, die den Schutz und die Menschenrechte für alle beinhalten. Wir wollen unsere Werte und Gefühle verbreiten, nämlich, dass wir in einer Welt leben wollen, in der alle Menschen gleichberechtigt sind und nicht nach Herkunft und Hautfarbe unterschieden wird.

 

Was bedeutet das für die Perspektive der BAfF und der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer?

Ich habe eigentlich meine Arbeit bei der BAfF mit dem Ziel angetreten, dass es die Zentren so lange geben muss, bis das Gesundheits- und Sozialwesen soweit ist, dass es das machen kann, was die Zentren leisten. Jetzt bin ich aber überzeugt, dass man die Zentren nicht ersetzen kann, sondern dass sie eine ganz tragende Rolle spielen. Wir tragen mit unseren Erfahrungen und mit den Geschichten, die wir hören, darüber, was Menschen anderen Menschen antun können, auch zu einer Veränderung im Gesundheitsbereich und bei den unterschiedlichen Gesundheitsprofessionen bei. Und das passiert ja auch langsam, dass sich das Gesundheitswesen auch auf die Belange von Geflüchteten einstellt. Aber gerade auch der Schutz und die Menschenrechtsarbeit kommt im Gesundheitsbereich noch zu kurz – oder eben auch gar nicht vor. Und daher müssen wir den Prozess weiter würdigend, aber auch kritisch begleiten und stets auch Forderungen an Politiker*innen und Gesundheitsprofessionen stellen. Und für diese Aufgabe wird es die BAfF und die Zentren noch eine ganze Weile geben. Und das ist ja auch gut so..

 

Wenn Sie zurückblicken, was war das Symbolträchtigste für Sie im Jahr 2017?

Sehr bewegt hat mich persönlich der Vorfall im Sommer in Saarbrücken. Ein Kollege von uns, Musaab Al-Tuwaijari, wurde bei seiner Arbeit in einem Psychosozialen Zentrum getötet. Das war sehr tragisch und wir erinnern uns oft an den Vorfall und denken an seine Familie, Freund*innen und Kolleg*innen. Im Nachgang der Anschläge von Würzburg und Ansbach aus dem Jahr 2016 mussten wir uns noch massiver als zuvor damit auseinandersetzen, dass es neben der großen Unterstützung, die wir seit 2015 erfahren haben, auch eine Gegenreaktion in der Gesellschaft gibt. Und dass, wo immer Geflüchtete involviert sind, alles mehr in ein öffentliches Licht gerückt und polemisiert wird. Wir wurden nach den Anschlägen sehr oft gefragt, ob denn nun alle Geflüchteten traumatisiert seien und alle traumatisierten Geflüchteten auch gefährlich. Das Thema nahm plötzlich eine riesige Dimension an, wo man merkte, dass gewisse Kräfte die Situation politisch ausnutzten und darüber Angst schüren wollen. Angst und Hass. Diese negativ aufgeheizte Stimmung hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Mitarbeiter*innen in den Zentren. Und dann kam der tragische Vorfall in Saarbrücken, der uns alle tief erschüttert und verunsichert hat. Und wir mussten uns fragen, ob die Sicherheitskonzepte für die PSZ ausreichend sind, ob man sich anders verhalten muss.
Mich hat sehr bewegt, dass innerhalb kürzester Zeit die Kolleg*innen gesagt haben, dass sie genauso weitermachen wollen. Weitermachen mit unserer Grundüberzeugung, von der wir uns nicht abbringen lassen wollen. Wir wissen ja, dass so etwas Schreckliches über Jahre und Jahrzehnte nicht passiert ist. Die Leute, die zu uns kommen, sagen, dass sie eine Heimat in den Zentren haben, dass sie dankbar sind für die Solidarität, die sie in unseren Einrichtungen bundesweit erhalten. Und auch, wenn uns dieser tragische Todesfall noch lange beschäftigen wird, wollen wir weiterhin professionell mit unseren Klient*innen arbeiten. Professionell umgehen heißt aber auch, dass wir nicht naiv sind, dass wir uns dem Vorfall stellen, die Kolleg*innen vor Ort unterstützen und Schutzräume schaffen. Aber eben nicht, dass wir als Abwehrreaktion Festungen um uns herum aufbauen. Wir überlegen genau, was getan werden kann, damit wir unsere Klient*innen, die Mitarbeiter*innen und unsere Arbeit schützen können. Dabei verlieren wir aber nie unsere Solidarität und unsere Ziele aus den Augen. Nämlich denjenigen zu helfen, die Schutz und Unterstützung benötigen. Und wir müssen dafür sorgen, dass niemand unsere Arbeit oder solche Vorfälle für seine Zwecke instrumentalisiert und damit zu Hass und Abschottung beitragen kann.

Was ist bei denn bei all den recht negativen Punkten aus dem vergangenen Jahr Ihre Hoffnung für 2018?

Ich hoffe, dass sich wieder eine positive Stimmung verbreitet und geflüchtete Menschen wieder stärker als das gesehen werden, was sie sind: Menschen, denen wir Menschlichkeit schulden. Unsere Aufgabe kann es nicht sein, alles Leid, das unsere Klient*innen erfahren haben, vollständig „wegzumachen“ – das können wir gar nicht. Aber wir können helfen, ihnen wieder eine Perspektive im Leben zu geben, etwas Gutes aufzuzeigen und solidarisch an ihrer Seite zu stehen. Es wird immer Menschen geben, die anderen Menschen Schreckliches antun. Wir dürfen aber nicht unsere Solidarität für diejenigen verlieren, die unsere Hilfe brauchen. Und das ist immer auch unsere Aufgabe!
Und wenn dann noch eine stabile Finanzierung der Psychosozialen Zentren dazu kommt, bin ich restlos glücklich.

 

Alles weitere über die Arbeit der BAfF im Jahr 2017 hier in der pdf-Version des Tätigkeitsberichts.