PM: Täter-Opfer-Umkehr in der Reaktion auf Gewalt gegen Flüchtlinge in Clausnitz

Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF e.V.) verurteilt die Gewalt gegen Flüchtlinge im sächsischen Clausnitz aufs Schärfste. Der Psychosoziale Fachverband fordert Polizei und Politik auf, Menschen, die als Überlebende schwerer Gewalt in Deutschland Zuflucht suchen, umfassend vor weiteren Übergriffen zu schützen, anstatt „besorgten Bürgern“ den öffentlichen Raum zu überlassen.

Was am Donnerstag, den 18. Februar 2016, in Clausnitz geschah, belegt ein Video, das aus dem Mob der anwesenden Protestierenden heraus gefilmt wurde. Es zeigt etwa 100 Menschen, die in der sächsischen Kleinstadt einen Bus mit ankommenden Flüchtlingen auf dem Weg zu einer Asylunterkunft blockieren. Sie skandierten „Wir sind das Volk“ und verbreiteten eine aggressive Stimmung. Die im Bus sitzenden Flüchtlinge wirken verängstigt. Ein etwa zehnjähriger Junge wird in der Filmszene von einem Polizisten brutal aus dem Bus gezogen, eine Frau bricht weinend zusammen. Anstatt die geflüchteten Menschen im Bus zu schützen, sieht die anwesende Polizei die Schuld bei den Flüchtlingen, die anwesenden BürgerInnen „provoziert“ zu haben.

„Es ist absolut unverständlich, warum die Polizei die Reaktion der Flüchtlinge als Eskalation betrachtet und damit Täter und Opfer umkehrt. Dies macht es für Betroffene sehr schwer, das Erlebte zu verarbeiten“, sagt Elise Bittenbinder, Psychotherapeutin und Vorsitzende der BAfF. „Aus der therapeutischen Arbeit mit Überlebenden schwerer Menschenrechtsverletzungen aus allen Teilen der Welt wissen wir, wie wichtig es nach traumatischen Erlebnissen für Genesungsprozesse ist, dass Betroffene eine Anerkennung des erlittenen Unrechts erfahren, dass ihnen geglaubt und ihnen die nötige Sicherheit gewährt wird, um wieder Boden unter den Füßen zu erhalten.“ Doch was derzeit in Clausnitz und vielen weiteren Regionen dieses Landes stattfände, sei im Gegenteil geradezu eine Fortsetzung der im Herkunftsland erlebten Gewalterfahrungen, die Betroffene weiterhin einem Klima der Angst und der Einschüchterung aussetze. Gerade für traumatisierte Menschen sei es so unmöglich, zur Ruhe zu kommen und das Erlebte hinter sich zu lassen.

„Flüchtlinge mit Gewalt aus einem Bus zu ziehen, wenn diese – insbesondere auch Kinder – Angst haben, den Bus zu verlassen und mit brüllenden BürgerInnen konfrontiert zu werden, kann nicht hingenommen werden. Die Polizei weiß nicht, was Menschen aus Kriegsgebieten wie etwa Syrien bereits vor und auf ihrer Flucht durchgemacht haben. Sie hat den Auftrag, diese Menschen zu schützen, statt sie mit Gewalt in eine Situation zu bringen, die sie emotional weiter destabilisiert“, mahnt die Vorsitzende des Verbands.

Als Dachverband der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge fordert die BAfF einen für die besondere Situation von Gewaltüberlebenden sensibilisierten polizeilichen Umgang mit Geflüchteten. Und einen klaren politischen Willen, dies auch gesellschaftlich durchzusetzen: Menschen verlassen ihre Herkunftsländer, weil politisch Verantwortliche dort nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, für ihre Sicherheit zu sorgen. Wir alle tragen die Verantwortung dafür, dass ihnen das hier nicht noch einmal widerfährt“.

Die BAfF fordert eine lückenlose Aufklärung der Hergänge einschließlich der Funktion aller Beteiligten sowie eine klare Positionierung von Polizei und Politik gegen rassistische Gewalt.