Kontextbezogene Traumabehandlung

Ansatz

Die BAfF informiert sich regelmäßig vor Ort über bestehende Behandlungsangebote für Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Bereits bestehende kontextbezogene, integrierte Traumabehandlungen in den Herkunftsländern sind besonders wichtig. Dabei sucht und pflegt die BAfF Kooperationen mit deutschen, europäischen und internationalen NGOs und Partnern. Der wechselseitige Transfer von Wissen und Erfahrung ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Versorgung im Heimatland. Das gilt besonders bei freiwilliger Rückkehr oder Rückführung von Flüchtlingen. Zugleich kann das Kontextwissen uns helfen, die Lebenssituation, politischen und kulturellen Hintergründe des Heimatlandes bzw. der Betroffenen besser zu verstehen und so einen Beziehungs-Aufbau und einen Zugang zu den Klienten fördern. In diesem Zusammenhang ist die BAfF in zwei Projekten aktiv:

1. Kontextbezogene Traumabehandlung vor Ort

2. Austausch mit Kollegen aus Tschetschenien und Russland

1. Kontextbezogene Trauma-Behandlung vor Ort

Die bundesweite BAfF-Tagung hatte im Herbst 2009 das Thema kontextbezoge Trauma-Behandlung im Fokus. Es wurden auch Kollegen aus den Herkunftsländern der Flüchtlinge eingeladen. Zur Diskussion standen die Chancen und Risiken für Flüchtlinge nach Rückkehr in das Heimatland. Die Behandlung von Traumafolgen in den Herkunftsländern ist grundsätzlich zu befürworten und die Vernetzung mit unseren Kollegen vor Ort ist auszubauen.
Mögliche Kooperationspartner des Projektes sind neben Partnern vor Ort u.a. medico international und Ärzte ohne Grenzen.

2. Austausch mit Kollegen aus Grozny/Tschetschenien und Sankt Petersburg/Russland

Die BAfF steht in regelmäßigem Kontakt mit den Soldatenmüttern aus Sankt Petersburg sowie Frauenwürde und Memorial aus Grozny. Wir planen ein Colloquium für Kollegen aus den drei Partnerregionen mit dem Ziel der Vernetzung. Die Vernetzung von Kollegen aus Tschetschenien, Russland und Deutschland dient der gegenseitigen Fortbildung. Sie kommt den Mitarbeitern wie auch den Klienten der deutschen Behandlungseinrichtungen direkt zugute. Diese Vernetzung ermöglicht den Aufbau von Kontextwissen über die Herkunftsländer, fördert das Verständnis für die Arbeitsbedingungen vor Ort, interkulturelle Kompetenz und die damit verbundene Reflexion der eigenen Normen und Werte im Behandlungssetting. Ebenso unterstützt das Projekt die Weitervermittlung der Flüchtlinge an psychosoziale Beratungs- und Behandlungseinrichtungen sowie das dazugehörige Wissen über die Bedingungen für Rückkehrer.
Die Teilnehmer und Organisatoren des Colloquiums sind vertreten:

  • Diejenigen, die mit Soldaten/Kämpfern zu tun haben
    (hauptsächlich Russland und Tschetschenien);
  • Diejenigen, die mit deren Familien, mit Opfern
    (die z.T. auch zu Tätern wurden) arbeiten
    (Tschetschenien, Russland, Deutschland);
  • Diejenigen, die Personen betreuen, die wegen politischer Verfolgung bzw. Bedrohungssituation aus ihrer
    Heimat nach Europa geflohen sind und dort mit neuen Belastungen zu tun haben (hauptsächlich Deutschland).

Die fachliche Expertise der BAfF und der in ihr zusammengeschlossenen Behandlungseinrichtungen kann den Kollegen vor Ort nutzen, sich weiterzubilden. Von den Kollegen wurden Fortbildung zu folgenden Themen angefragt:

  • die international anerkannten statistischen Manuale (ICD 10 und DSM IV)
  • Standardisierte Psychodiagnostik
  • Besonderheiten bei der Behandlung von Opfern von Menschenrechtsverletzungen
  • Therapeutische Beziehung, therapeutische Methoden, Langzeittherapie
  • Psychopharmakatherapie, Krisenintervention
  • Begutachtung von Traumafolgen
  • Weiterbildung von Entscheidungsträgern
  • Psychoprophylaxe/Psychohygiene für MitarbeiterInnen

Das Colloquium soll jedoch nicht nur ein Wissenstransfer von West nach Ost sein. Es besteht immer das Risiko, dass westliche Konzepte und Standards an den Bedürfnissen der Betroffenen und Kollegen vorbei expertiert werden und der Kontext zu wenig berücksichtig wird. Daher soll in der Kooperation Raum für die Darstellung der konkreten Kontexte und Problemlagen aller Kollegen vorhanden sein. Um Nachhaltigkeit zu gewährleisten, werden existierende Infrastrukturen vor Ort genutzt. Wir verstehen kontextbezogene Traumabehandlung immer im Sinne von „integrated community based mental health“.