Nur 4,4 Prozent der geflüchteten Menschen mit psychosozialem oder psychotherapeutischem Unterstützungsbedarf erreichen in Rheinland-Pfalz derzeit ein spezialisiertes Angebot. Das zeigt der aktuelle psychosoziale Versorgungsbericht für Rheinland-Pfalz. Trotz erheblicher Fortschritte beim Ausbau der Psychosozialen Zentren erbt die nächste Legislatur also eine massive Versorgungslücke. Der Bundesverband Psychosozialer Zentren begrüßt deshalb die Ankündigungen von CDU und SPD im neuen Koalitionsvertrag, den „Erhalt und Ausbau der psychosozialen Zentren“ zu sichern und Sprachmittlung als „wichtiges Instrument“ anzuerkennen.
„Dass die neue Landesregierung die psychosozialen Zentren ausdrücklich stärken will, ist ein wichtiges Signal für geflüchtete Menschen mit schweren Belastungen und Traumafolgestörungen“, erklärt Lukas Welz, Geschäftsleiter des Bundesverbands Psychosozialer Zentren. „Rheinland-Pfalz hat in den vergangenen Jahren bundesweit Maßstäbe gesetzt – mit dem Ausbau der Zentren, zusätzlichen Angeboten für Kinder und Jugendliche und neuen Außenstellen im ländlichen Raum.“
Tatsächlich wurden in Rheinland-Pfalz in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte erzielt: Die Landesförderung für die psychosozialen Zentren wurde deutlich erhöht, neue Außenstellen und mobile Angebote aufgebaut und die Versorgung von Kindern und Jugendlichen gestärkt. Mit der Einrichtung der Dachstelle für Austausch und Qualitätsentwicklung entstand zudem eine bundesweit einzigartige Struktur zur fachlichen Vernetzung und Weiterentwicklung der psychosozialen Versorgung.
Dennoch bleibt der Bedarf dramatisch unterversorgt. „Eine Versorgungsquote von 4,4 Prozent bedeutet: Tausende traumatisierte Menschen bleiben weiterhin ohne angemessene Hilfe“, so Lukas Welz. „Wer Schutz sucht, darf nicht jahrelang auf therapeutische Unterstützung warten oder an fehlender Sprachmittlung scheitern. Das ist nicht nur integrationspolitisch kurzsichtig, sondern auch aus fachärztlicher Sicht nicht hinnehmbar.“
Mit Sorge betrachten die Psychosozialen Zentren zudem migrationspolitische Vorhaben der neuen Landesregierung. Der Koalitionsvertrag formuliert das Ziel, dass „zukünftig die Verteilung auf die Kommunen nur bei Vorliegen einer realistischen Bleibeperspektive erfolgt“. Aus Sicht der psychosozialen Versorgung bedeutet dies absehbar längere Unterbringung vieler Menschen in Erstaufnahmeeinrichtungen und Sammelunterkünften.
„Wir wissen aus Forschung und Praxis seit Jahren, dass lange Unterbringung in Sammelunterkünften psychische Erkrankungen verstärken und bestehende Traumafolgestörungen verschärfen kann“, erklärt Lukas Welz. „Isolation, Unsicherheit, fehlende Privatsphäre und dauerhafte Perspektivlosigkeit machen Menschen krank.“
Die Psychosozialen Zentren fordern die neue Landesregierung deshalb auf, die Ankündigungen des Koalitionsvertrags zur Stärkung der psychosozialen Versorgung nun konsequent umzusetzen. Um den Ausbau erfolgreich umzusetzen rät der Bundesverband der Psychosozialen Zentren, insbesondere diese Punkte in Angriff zu nehmen:
- eine langfristig abgesicherte Finanzierung der psychosozialen Zentren,
- der flächendeckende Ausbau von Sprachmittlung als Regelleistung,
- der weitere Ausbau niedrigschwelliger Angebote insbesondere im ländlichen Raum,
- sowie eine stärkere Öffnung der Regelversorgung für geflüchtete Menschen mit psychischen Belastungen.
„Die vergangenen Jahre haben gezeigt: Wo politischer Wille vorhanden ist, können tragfähige Strukturen entstehen“, erklärt Lukas Welz. „Jetzt kommt es darauf an, aus einzelnen Fortschritten endlich eine bedarfsgerechte Versorgung zu machen.“
Kontakt:
presse@baff-zentren.de | +49 (0) 30 – 31012463
Interviews mit Lukas Welz vermitteln wir gerne kurzfristig auf Anfrage.
Über den Bundesverband Psychosozialer Zentren
Der Bundesverband Psychosozialer Zentren ist der bundesweite Zusammenschluss Psychosozialer Zentren für Geflüchtete und Überlebende von Folter, Krieg und Verfolgung. Er setzt sich bundesweit für den Zugang zu psychosozialer, psychotherapeutischer und sozialarbeiterischer Unterstützung für besonders schutzbedürftige Geflüchtete ein. Der Verband bündelt die fachliche Expertise der Zentren, vertritt ihre Interessen gegenüber Politik und Öffentlichkeit und engagiert sich für eine menschenrechtsorientierte Versorgungsstruktur.