Berlin, 12. März 2026
Schwer psychisch belastete Geflüchtete in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt leiden unter einer gravierenden Unterversorgung. Eine neue Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zeigt, dass nur ein Prozent eine Behandlung erhält, die internationalen Standards entspricht. Viele geflüchtete Menschen sind aufgrund Ihrer Erfahrungen von schwerer Gewalt oder nach ihrer Flucht schwer belastet. 60 Prozent der psychisch belasteten Menschen wiesen eine “schwere psychische Belastung” auf, die zeitnah eine Behandlung erfordere.
Jeder zweite bewertet seine Wohnsituation als “gefängnisartig” und “unerträglich”
Die Qualität der Unterbringung hängt mit der psychischen Gesundheit zusammen. Studienteilnehmende, die ihre Wohnsituation als unsicher wahrnahmen, sich eingesperrt fühlten oder ihren Alltag als fremdbestimmt empfanden, berichteten häufiger von starker psychischer Belastung. Fast die Hälfte der befragten Geflüchteten beschrieben ihre Wohnsituation in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt als “gefängnisartig”, heißt es in der Studie. Mehr als ein Drittel bewerteten den Mangel an Privatsphäre in ihrer Unterkunft als „unerträglich“ oder “extrem unerträglich.”
Hohe Hürden im Gesundheitssystem führen zu schlechter Versorgung von Geflüchteten
Zentrales Hindernis für eine bessere Versorgung psychisch belasteter Geflüchteter ist laut den Forschenden der gesetzliche Ausschluss von Asylsuchenden aus dem regulären Gesundheitssystem. In den ersten drei Jahren nach Ankunft haben Geflüchtete meist nur Anspruch auf eine medizinische Behandlung bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen. Psychische Krankheiten werden meistens nicht darunter gefasst. Erst nach drei Jahren erhalten sie in der Regel Zugang zum Gesundheitssystem und eine elektronische Gesundheitskarte (eGK). Laut Studie hatten psychisch belastete Geflüchtete mit Karte eine deutlich höhere Versorgungsquote als Geflüchtete ohne einen Zugang zur Regelversorgung.
“Die Ergebnisse unserer Studie legen nahe, dass Verbesserungen der Wohnbedingungen – vor allem in Form dezentraler Unterbringung anstelle der Unterbringung in Sammelunterkünften – und die flächendeckende Einführung der Gesundheitskarte für Geflüchtete zentrale Ansatzpunkte sind, um die psychische Gesundheit von Geflüchteten zu verbessern und die Versorgung psychisch erkrankter Geflüchteter sicher zu stellen”, sagt Prof. Dr. Amand Führer von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Hinzu kommt die Hürde der gemeinsamen Sprache: In vielen Praxen sei das Arbeiten mit Dolmetscher*innen noch längst kein Standard. Im Ergebnis erhielten auch Geflüchtete, die sich um einen regulären Therapieplatz bewerben können, meist Ablehnungen.
Psychosoziale Zentren unter finanziellem Druck
In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gibt es aktuell fünf Psychosoziale Zentren (PSZ), die auf die Behandlung geflüchteter Menschen spezialisiert sind. 2024 konnten sie jedoch im Schnitt nur den Bedarf von einer von zehn Personen versorgen (Brandenburg 17,3%; Meck-Pomm 6,8 %; Sachsen-Anhalt 2,7%).
Yukako Karato, Referentin für Versorgungsanalyse der BAfF, warnt: „Die Psychosozialen Zentren helfen Menschen, die im regulären System keine angemessene Unterstützung finden. Über Jahre sind hier spezialisierte Strukturen gewachsen. Wenn diese Angebote jetzt wegfallen, verlieren schwer traumatisierte Menschen ihre oft letzte Anlaufstelle. „Ostdeutsche Bundesländer dürfen bei der medizinischen Versorgung nicht allein gelassen werden.“
Die Zentren finanzieren sich überwiegend über befristete Projektmittel. Kürzungen – insbesondere beim EU-Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) – verschärfen die Lage zusätzlich. Eine im Herbst 2025 beschlossene Neuregelung zur Verteilung dieser Mittel nach Königsteiner Schlüssel – statt nach dem bestehenden Bedarf – bringt nun die Versorgung in den ostdeutschen Bundesländern an den Rand des Kollaps. So muss u.a. das PSZ Rostock seinen Personalumfang um ca. 75 % reduzieren und kann nur mittels eines geplanten Trägerwechsels auch künftig weiterhin bestehen.
“Während wir für den Weitererhalt des PSZ Rostock kämpfen, stellen wir fest, dass gerade in Ostdeutschland Geflüchteten der Zugang zu medizinischen Regelsystemen verschlossen bleibt. Der bevorstehende Einschnitt in der psychosozialen Versorgung am PSZ Rostock wird sich deutlich bei Geflüchteten und im Hilfesystem bemerkbar machen. Schon jetzt haben wir seit einem halben Jahr einen Aufnahmestopp, da der Bedarf bereits weit höher ist, als wir ihn decken könnten. In der Folge werden traumatisierte Geflüchtete noch mehr auf sich allein gestellt, akute Krisen und Chronifizierungen von Erkrankungen werden zunehmen”, prognostiziert Ulrike Wanitschke, Mitarbeiterin und Mitgründerin des PSZ Rostock sowie Vorstandsmitglied der BAfF.
Bundesverband fordert grundlegende Reformen
Angesichts der alarmierenden Studien-Ergebnisse fordert die BAfF von Bund und Ländern:
- eine dauerhafte und flächendeckende Finanzierung der Psychosozialen Zentren
- eine Krankenkassenkarte für Geflüchtete von Beginn an – in allen Bundesländern
- einen gesetzlichen Anspruch auf professionelle Sprachmittlung im Gesundheits-, Sozial- und Rechtsbereich
- menschenwürdigen Wohnraum mit Privatsphäre, sozialer Anbindung und unabhängiger Beratung.
Kontakt: presse@baff-zentren.de | +49 (0) 30 – 31012463
Interviews mit Amand Führer, Ulrike Wanitschke und Yukako Karato vermitteln wir gerne kurzfristig auf Anfrage.
Download: Die Studie kann hier heruntergeladen werden.
Hintergrund
52 Psychosoziale Zentren (PSZ) sind im Bundesverband der Psychosozialen Zentren (BAfF) organisiert. Sie bieten Psychotherapie, Soziale Arbeit, Rechtsberatung und teilweise medizinische Unterstützung für Geflüchtete an. Die BAfF vertritt ihre Interessen gegenüber Politik und Öffentlichkeit und versteht sich als Kompetenzzentrum im Bereich Flucht, Gewalt, Menschenrechte und Gesundheit.