Das Netzwerk Kinderrechte kritisiert von Frontex veröffentlichte Broschüren, Ausmalhefte, Poster und Videos, die Kinder und Jugendliche auf ihre Abschiebung vorbereiten sollen. Diese Materialien, die bereits 2023 erschienen sind, wurden erst im Juni 2025 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.
Das Netzwerk Kinderrechte kritisiert in einer Stellungnahme, dass die Inhalte gegen zentrale Prinzipien der UN-Kinderrechtskonvention verstoßen. Anstatt Kindern altersgerechte und realitätsnahe Informationen über Abschiebeverfahren zu geben, wird der Prozess als harmloser Verwaltungsakt dargestellt. So verharmlost die typisch kinderbuchartige Gestaltung gewaltvolle Zwangsmaßnahmen, ignoriert Ängste und Belastungen und suggeriert Entscheidungsfreiheit, wo eindeutige Fremdbestimmung herrscht. Psychosoziale Unterstützung oder Schutzmechanismen werden nicht erwähnt, ebenso wenig wie die Gefahren für das Kindeswohl.
So wird der Transport zum Flughafen als “kleine Busfahrt” dargestellt (Kapitel 4), ohne Hinweis darauf, dass es sich um einen behördlich angeordneten, möglicherweise zwangsweisen Transfer handeln kann. In Kapitel 8 werden die Kinder ermutigt, sich auf „nette neue Lehrer“, „eine neue Schule“ und „leckere neue Süßigkeiten“ zu freuen. Auf diese Weise wird ein Bild des Neuanfangs suggeriert, das reale Ängste, Belastungen und Risiken vollständig ausblendet.
Netzwerk KinderrechteKinderrechte bleiben ohne Konsequenzen
Besonders problematisch ist, dass die Broschüre Kinderrechte zwar erwähnt, sie aber ohne Konsequenzen bleiben. Es wird suggeriert, dass Abschiebungen im Einklang mit den Kinderrechten stünden. Wichtige Rechte wie Beteiligung, Identität, Schutz vor Überforderung oder Unterstützung bei Traumatisierung bleiben unbeachtet. Damit werden gleich mehrere Artikel der UN-Kinderrechtskonvention missachtet. Frontex, das häufig wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert wurde, ist keine geeignete Instanz, um Materialien für Kinder und Jugendliche zu erstellen.
Frontex schon lange in der Kritik
Zudem steht Frontex immer wieder wegen weitreichender Vorwürfe der Vertuschung von Menschenrechtsverletzungen in der Kritik. Es gibt einen internen Bericht der EU-Antibetrugsbehörde OLAF, der aufzeigt, wie Frontex versucht hat, Menschenrechtsverletzungen systematisch zu verbergen, die vor den Augen der Grenzschutzagentur stattgefunden haben; die perfektionierten Systeme, um Verstöße gegen geltendes Recht zu vertuschen; ein rechtswidriges Straffreiheitssystem, aufgebaut von einer EU-Agentur, die sich aus Steuern finanziert.
Der Bericht sollte nie an die Öffentlichkeit gelangen, wurde jedoch 2022 von FragDenStaat veröffentlicht, gemeinsam mit Der Spiegel und Lighthouse Reports. Hier ist der Bericht des Europäischen Amts für Betrugsbekämpfung (OLAF) über Frontex komplett zu lesen. Darin ist dokumentiert, wie die damalige Frontex-Führung Pushbacks durch griechische Grenzschützer unterstützte oder vertuschte – etwa durch das Abziehen von Überwachungsflugzeugen, um Menschenrechtsverletzungen nicht aufzuzeichnen, und durch die Behinderung ihrer eigenen Grundrechtsbeauftragten bei Untersuchungen. All diese Ereignisse machen einzeln (und in ihrer Summe umso klarer) deutlich, dass Frontex in Menschenrechtsfragen nicht transparent und weder glaubwürdig noch geeignet ist, kindgerechte Kommunikation zu verantworten.
Das Netzwerk Kinderrechte fordert:
- die sofortige Rücknahme der Materialien,
- eine unabhängige Prüfung der kindbezogenen Kommunikation durch die EU-Kommission,
- die Entwicklung kindgerechter, menschenrechtskonformer Informationsmaterialien durch unabhängige Fachstellen,
- Verfahren, die das Kindeswohl vorrangig berücksichtigen, inklusive psychosozialer Begleitung, Rechtsbeistand und Beschwerdemechanismen
Die komplette Stellungnahme vom 20.06.2025 auf der Webseite des Netzwerks Kinderrechte: