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Dokumentation der BAfF-Jahrestagung 2025 „Caring for Future: Warum psychosoziale Arbeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt essenziell ist“

Die Fachtagung „Caring for Future: Warum psychosoziale Arbeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt essenziell ist“ fand am 21. und 22. Mai 2025 in Berlin statt, organisiert vom Bundesverband der Psychosozialen Zentren.

Zahlreiche Fachkräfte und Aktivist*innen, die sich mit der Gesundheitsversorgung und (psycho)sozialen Unterstützung geflüchteter Menschen beschäftigen, nahmen daran teil. Im Mittelpunkt stand der Austausch darüber, wie psychosoziale Arbeit zu einem zukunftsfähigen Gesellschaftsmodell beitragen kann – einem Modell, das sowohl der Vielfalt unserer Gesellschaft als auch der menschlichen Vulnerabilität und unserem Bedarf nach Fürsorge gerecht wird. Angesichts der aktuellen multiplen Krisen und des zunehmenden Rechtsrucks wurde diskutiert, wie solidarisches und gemeinschaftliches Handeln der wachsenden gesellschaftlichen Spaltung entgegenwirken kann.

Link zum Programm

Menschenrechte schützen in Zeiten multipler Krisen: Rückblick auf Tag 1

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„Der Rechtsstaat im Sinne von starken Grund- und Menschenrechten ist kein Luxus, den wir uns gönnen, sondern die Grundlage für ein menschenwürdiges Zusammenleben. Es gilt daher, ihn mit Leben zu füllen und zu verteidigen.“

– Arne Bardelle, European Center for Constitutional and Human Rights

Die Tagung begann mit einer Keynote von Prof. Dr. Nivedita Prasad zum Thema „Professionelle und menschenrechtsorientierte Soziale Arbeit mit Geflüchteten“, die das Mandat der sozialen Arbeit, die Menschenrechte zu schützen, fachlich verortete. Darauf folgte eine juristische Auseinandersetzung mit der Rolle des Rechtsstaats bei der Verteidigung von Menschenrechten im Rahmen des Impulsvortrags von Arne Bardelle „Der Rechtsstaat als Kampfbegriff – populistische Feldzüge gegen das Recht“. Im zweiten Impulsvortrag des Tages „Sicherheit holistisch gedacht: ein Dialog“ besprachen Marianne Koch und Peter Steudtner wie Menschen, die in der Versorgung oder in der politischen Arbeit tätig sind, sich selbst schützen müssen – beispielsweise vor Cyberattacken oder Burnout. Der Tag endete mit dem Panel „Unterstützung und Widerstand – sicherere Räume schaffen zwischen Politik, Praxis und (Selbst)Schutz“, in dem die Perspektiven der drei Vorträge zusammengebracht wurden. Dabei wurden die Schnittstellen und die Abhängigkeiten zwischen sozialer Arbeit, juristischen Verfahren sowie Selbstschutz deutlich. 

Handlungsfähigkeit durch Gemeinschaft: Rückblick auf Tag 2

„Wir kämpfen gegen die Bilder, die von geflüchteten Menschen gezeichnet werden, und die negativen Konnotierungen: das Nicht-Wahrnehmen der Bedarfslagen und die fehlende Unterstützung.“ 

 – Beybûn Seker, Pena.ger e. V.

Am zweiten Tag fanden Vernetzungsräume mit dem Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e. V. (VBRG), der Aktivistinnen-Agentur e. V. und CommunAid – Initiative für gesellschaftlichen Zusammenhalt statt. Diese verschiedenen Organisationen lieferten hilfreiche Empfehlungen und Einblicke zur Arbeit im Kontext rechter Gewalt, zur Medienarbeit sowie Konfliktmanagement auf kommunaler Ebene. Ziel der Vernetzungsräume war es, in Zeiten wachsender Repressionen in der Arbeit mit geflüchteten Menschen die Handlungsfähigkeit der Tagungsteilnehmenden zu stärken.

Wie wichtig sind Kooperationen, um einen niedrigschwelligen Zugang anzubieten und effektiv unterstützen zu können, beispielsweise mit Sprachmittler*innen für marginalisierte Sprachen, die Kommunikation überhaupt erst ermöglichen? Welche Rolle haben Sozialarbeiter*innen bei der Verbesserung der Unterbringungssituation inne? Was hilft Menschen nach Krieg, Folter und Flucht wirklich und wo müssen wir genauer hinsehen und uns kümmern, weil Dinge im Argen liegen?

Im Abschlusspanel der Tagung „Niemals allein, immer zusammen – Perspektiven aus der psychosozialen Versorgung“ geben Carina Heyde aus dem Psychosozialen Zentrum Düsseldorf, Isabel Marin Arrizabalaga von MiMi – Mit Migrant*innen für Migrant*innen Hamburg und Soniya Alkis von der bundesweiten Online-Geflüchtetenberatungsstelle Pena.ger Praxiseinblicke aus der psychosozialen Arbeit mit geflüchteten Menschen.

Hinweis: Das Video enthält belastende Inhalte zum Thema Suizidalität. Hier finden Sie eine Übersicht von Unterstützungsangeboten bei Krisen und/oder Suizidgedanken.

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Gemeinsame Erklärung: „Caring for Future: Warum psychosoziale Arbeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt essenziell ist“

Die folgende Erklärung zur politischen und gesellschaftlichen Verantwortung für eine menschenwürdige Versorgung geflüchteter Menschen wurde durch die BAfF e. V. und die Teilnehmenden der Jahrestagung am 22. Mai 2025 verabschiedet.

Vulnerabilität gehört zum Kern der menschlichen Existenz. Wir alle sind auf soziale Unterstützung und gegenseitige Fürsorge angewiesen. Die vielen aktuellen Krisen machen unsere Vulnerabilität schmerzhaft deutlich. Der neoliberale Ansatz, auf Eigenverantwortung und den freien Markt für menschliche Grundbedürfnisse – sei es Gesundheit, Sicherheit, Liebe – zu setzen, scheitert daran, dass solche Bedürfnisse nur durch die verlässliche Unterstützung anderer Menschen befriedigt werden können.

Die Folgen dieses Scheiterns sind in den letzten Jahren immer stärker zu beobachten: in Form von zunehmender Wut in der Gesellschaft über lange Wartezeiten für Arzttermine, Wohnungsmangel oder fehlende Kinderbetreuungsplätze. Weltweit fühlen sich Menschen weniger durch die politischen Verantwortlichen vertreten, haben weniger Vertrauen in den Staat, werden einsamer.

Die Zukunft wird weniger mit Fortschritt und mehr mit Zerstörung verbunden. Angetrieben von rechtspopulistischen Diskursen steigt die Tendenz, mehr Menschen – geflüchtete Menschen, queere Menschen, Menschen mit Behinderung – stärker zu marginalisieren, um auf irreführende Weise nach einem gemeinsamen „Wir“ zu suchen. 

Auch die neu gewählte Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag massive Einschränkungen der Rechte von geflüchteten Menschen angekündigt: etwa durch eine sogenannte  Rückführungsoffensive, die Aussetzung von Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte und die Beendigung von humanitären Aufnahmeprogrammen. Es finden bereits rechtswidrige Zurückweisungen an den deutschen Grenzen statt. 

Die öffentlichen Diskussionen nach den tragischen Gewalttaten in Magdeburg, Aschaffenburg und München haben gezeigt, wie einfach es ist, die Schuld in Personengruppen zu suchen, die wir als anders wahrnehmen. Dabei führen solche Schuldzuweisungen nur zu einer weiteren Ausgrenzung marginalisierter Personen. Und der gesellschaftliche Zusammenhalt wird noch fragiler. Denn Vielfalt war immer Teil der Gesellschaft – und wird es bleiben.

In der psychosozialen Arbeit mit geflüchteten Menschen zeigen wir eine solidarische Alternative auf. Geflüchtete Menschen gesundheitlich zu versorgen, bedeutet für uns, Fürsorge mit Verantwortung zu verbinden, weil wir als Menschen füreinander verantwortlich sind. Als vulnerable Wesen können wir nur durch Solidarität und gegenseitige Fürsorge nachhaltig eine Zukunft aufbauen. 

Vielfalt begreifen wir nicht nur als Realität, sondern als Ressource für tragfähige Ansätze, wie Gesundheitsversorgung in Zukunft gut funktionieren kann. Dabei erkennen wir auch die Abhängigkeiten zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen an. Ein gesundes Leben kann nur ermöglicht werden, wenn für andere Aspekte des Lebens gesorgt wird. Wenn Menschen ausreichende Möglichkeiten haben, sozial, ökonomisch und kulturell an der Gesellschaft teilzuhaben. 

Wir sehen hierfür eine kollektive Verantwortung und möchten diese Verantwortung wahrnehmen. Die Psychosozialen Zentren bieten notwendige Schutzräume – nicht aus sicherheitspolitischen Erwägungen, sondern aus humanitärem Gebot. 

Wir fordern die politisch Verantwortlichen auf, ihre Pflicht, die menschliche Würde zu achten und zu schützen, wahrzunehmen. Wir wollen und können unsere Ängste und Verletzlichkeit nicht abschieben. Sie müssen ernst genommen werden und unser Bedarf nach Fürsorge muss ernst genommen werden. In einem Land, in dem zehn Prozent der Bevölkerung über zwei Drittel des Gesamtvermögens verfügen und die Steuersätze für Milliardär*innen in den letzten 30 Jahren halbiert wurden, ist Flucht weder die Ursache für gesellschaftliche Konflikte noch die Ausgrenzung vulnerabler Menschen die Lösung. Wir brauchen eine Zukunft, die nicht von Hass und Spaltung geprägt ist, sondern von Gemeinschaft, Solidarität und Handlungsfähigkeit. 


Die Tagung wurde aus Mitteln der CHRYSANTIL Philantropic Foundation gefördert.


Kontakt

Wenden Sie sich gern an uns, wenn Sie Rückfragen oder Interesse an einem Interview mit unseren Referent*innen haben.

Marie-Claire Wygand (sie/ihr)
Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
presse@baff-zentren.org


Über die BAfF

Die BAfF e. V. ist der Bundesverband der Psychosozialen Zentren, die Überlebenden von Krieg, Folter und Flucht in Deutschland helfen. Seit fast 30 Jahren setzen wir uns für eine flächendeckende und niederschwellige Versorgung von geflüchteten Menschen ein. Diese benötigen nach oft schwer traumatisierenden Erfahrungen schnelle psychosoziale Begleitung. Die BAfF vertritt die Interessen von Überlebenden schwerer Menschenrechtsverletzungen gegenüber der Politik und der (Fach-)Öffentlichkeit, vernetzt Akteur*innen der psychosozialen Arbeit und bringt sich durch Projekte, Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit in den fachlichen und politischen Diskurs ein.