Aussetzung des Familiennachzugs belastet Familien schwer
Der Bundestag hat am 27. Juni mit den Stimmen der CDU-SPD-Koalition sowie der AfD beschlossen, den Familiennachzug für subsidiär schutzberechtigte Geflüchtete für zwei Jahre auszusetzen.Die Psychiaterin Barbara Wolff spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über den Verlust, aber auch über die potenzielle gemeinsame Kraft von Familien, die teilweise geflohen und teils im Heimatland verblieben sind.
Barbara Wolff ist Vorständin im Frankfurter Arbeitskreis Trauma und Exil (FATRA), einem psychosozialen Beratungszentrum für Geflüchtete und Folterüberlebende in Frankfurt, und betreut auch Menschen, für die die Bundesregierung nun den Familiennachzug ausgesetzt hat. Im Interview spricht Barbara Wolff über den Verlust der Familie für geflüchtete Menschen, aber auch über die Kraft, die das Zusammensein mit den Angehörigen bringt. Ebenfalls thematisiert sie, was das Aussetzen des Familiennachzugs für geflüchtete Menschen sowie deren Familienmitglieder im Herkunftsland bedeutet.
Man muss sich zuerst vergegenwärtigen, warum die Menschen hier Schutz suchen. Sie sind vor Krieg, Gewalt, Folter, Todesstrafe geflohen. Wenn ihnen ein subsidiärer Schutz zuerkannt worden ist, wie zum Beispiel vielen Geflüchteten aus Syrien, dann, weil ihr Leben oder ihre Unversehrtheit bedroht waren durch den Krieg, durch politische Verfolgung.
Barbara Wolff, Vorstandsvorsitzende im PSZ FATRA e. V.
“Sie sind der Hölle entkommen, ihre Familie nicht.”
Denn nach Deutschland geflüchtete Menschen haben Schlimmes, teils Lebensbedrohliches erlebt im Herkunftsland, und sie lassen ihre Familien zurück, die sich weiterhin in dieser Situation befinden. Natürlich quälen die Geflüchteten Sorgen um ihre Angehörigen zu Hause, oft fühlen sie sich auch schuldig oder werden von Verwandten verantwortlich gemacht für deren Leid.
So können sich die hier angekommenen Geflüchteten meist kaum darauf konzentrieren, sich um ihre Belange im Ankunftsland zu kümmern, während sie “mit der halben Seele zu Hause bei ihren Menschen” sind.
Es ist bereits ohne Schuldgefühle und Verlustängste schwer, die deutsche Sprache zu lernen, während man sich auf eine neue Umgebung und das neue Leben einlässt. Doch all das ist noch einmal um ein Vielfaches erschwert, , wenn Gedanken und Sorgen noch zu Hause hängen.
“Ganz oft kann man nicht einfach sagen: Das wird schon wieder. Da geht es darum, beizustehen, Trauer und Verzweiflung mit auszuhalten.”
So stellt die Aussetzung des Familiennachzugs für die Lebensrealität vieler eine Zerreißprobe dar, die die ganze Familie belastet, nicht nur jene, die nicht nachreisen dürfen. In einem zweiten Beitrag der Frankfurter Rundschau – “Basem T. sieht sich zur Rückkehr gezwungen“ – geht es um die Geschichte eines 58-jährigen Mannes, der trotz seines subsidiären Schutzstatus in Deutschland nun zurück nach Syrien geht, weil er die Trennung von seiner Frau und zwei seiner Kinder nicht länger erträgt. Ein trauriges Schicksal, das in der Praxis seit dem Beschluss des deutschen Bundestages im Juni jedoch bei Weitem keinen Einzelfall, sondern gängige Praxis darstellt.
Das ganze Interview mit Barbara Wolff ist unter dem Titel „Sie sind mit der halben Seele zu Hause bei ihren Menschen“ hier zu lesen: Frankfurter Rundschau, 10.07.2025