Pilotprojekt zur Versorgung von Flüchtlingen in Ostdeutschland

Hintergrund

Die Versorgungsstrukturen für Flüchtlinge und Folteropfer sind in allen ostdeutschen Bundesländern unzureichend. Flüchtlinge werden meist in ländlichen Regionen isoliert und unter z.T. menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht. Sie sind überdurchschnittlich häufig ausgrenzenden oder rassistischen Praxen ausgesetzt.

Erfahrungen im Handlungsfeld Migration sind historisch bedingt auf

dem Gebiet der ostdeutschen Bundesländer noch vergleichsweise jung. Über einen längeren Zeitraum gewachsene spezialisierte Strukturen der Betreuung und Behandlung traumatisierter Flüchtlinge – wie sie in den alten Bundesländern seit den frühen 80ern existieren, gibt es nicht. Die Psychosozialen Zentren Refugio Thüringen e.V. in Jena, Psychosoziales Zentrum für MigrantInnen Sachsen-Anhalt e.V. in Halle und Magdeburg sowie Caktus e.V. in Leipzig sind vergleichsweise junge und v.a. sehr kleine Einrichtungen. Mit einem Einzugsgebiet von jeweils über 120km versorgen sie mit nur wenigen MitarbeiterInnen ihr gesamtes Bundesland.

Ob diese Ressourcen ausreichend sind, um eine adäquate Versorgung vulnerabler Flüchtlinge zu gewährleisten bzw. welche Maßnahmen für eine angemessene Versorgung eingeleitet werden müssten, ist bis heute weder im öffentlichen noch im gesundheits- und sozialpolitischen Diskurs ein Thema. Zahlen, die das Ausmaß des Versorgungsdefizites quantifizieren, das die MitarbeiterInnen in den Behandlungszentren angesichts stetig wachsender Wartelisten immer deutlicher zu spüren bekommen, fehlten bislang völlig.

Ziele

Vor diesem Hintergrund hat die BAfF von Juni 2012 bis November 2013 gemeinsam mit refugio thüringen e.V. in Jena, Caktus e.V. in Leipzig und dem PSZ Halle/ Magdeburg in einem Pilotprojekt an Strukturverbesserungen innerhalb der gesundheitlichen Versorgung von Flüchtlingen in Ostdeutschland gearbeitet. Das Projekt wurde durch die EU-Kommission gefördert („Pilot Projects on Victims of Torture)“.

Ziel des Projektes war es, den Versorgungsbedarf sowie entsprechende Versorgungsdefizite empirisch zu erfassen, um auf Grundlage des erhobenen Datenmaterials gezielt Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit leisten zu können. Auch Aktivitäten, die auf die Qualifizierung niedergelassener HeilberuflerInnen ausgerichtet sind,  bildeten einen Schwerpunkt des Projektes.

Ergebnisse
Traumatisiert. Ausgegrenzt. Unterversorgt.

Die Ergebnisse des Projektes wurden in einem umfassenden Versorgungsbericht veröffentlicht. Die Publikation „Traumatisiert. Ausgegrenzt. Unterversorgt. Versorgungsbericht zur Situation von Flüchtlingen und Folteropfern in den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.“(60 Seiten) können Sie bei der BAfF bestellen (info@baff-zentren.org).

Daten zur Versorgungssituation von Flüchtlingen und Folteropfern

Es wurden Instrumente zur Erfassung des Versorgungsbedarfs sowie aktuell vorhandener Versorgungsdefizite in den drei Regionen entwickelt und in die Aufnahmepraxis der Zentren implementiert. Die Auswertung und Analyse der erhobenen Daten erfolgte in Kooperation mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die quantitativen Analysen wurden durch qualitative Daten in Form von Fallbeispielen ergänzt und in Hintergrundinformationen zu den Lebens- und Versorgungsbedingungen traumatisierter Flüchtlinge in Ostdeutschland eingebettet.

Sensibilisierung und Qualifizierung von HeilberuflerInnen der gesundheitlichen Regelversorgung

Es wurden Fortbildungscurricula zu Spezifika der Behandlung psychisch reaktiver Traumafolgen bei traumatisierten Flüchtlingen entwickelt und zur Schulung von niedergelassenen ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen eingesetzt. In jedem Bundesland wurde je eine Fortbildungsveranstaltung für ÄrztInnen und eine für PsychotherapeutInnen durchgeführt.

Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung lokaler Leistungs- und Entscheidungsträger

Außerdem wurden in allen 3 Bundesländern Veranstaltungen und Kooperationsgespräche durchgeführt, um Politik und Verwaltung über strukturelle Defizite zu informieren und für konkrete Schritte in Richtung der Sicherstellung einer bedarfsorientierten und kultursensitiven Versorgung zu gewinnen. So fand in Thüringen ein Fachtag zur besonderen Lebens- und Versorgungssituation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge statt. In Sachsen-Anhalt konzentrierten sich die Lobby- und Kooperationsgespräche auf die Finanzierung von Dolmetscherdiensten. In Sachsen stand die Sensibilisierungsarbeit bei Institutionen der öffentlichen Verwaltung, insbesondere der Sozial- und Jugendämter im Vordergrund.

Den Abschluss des Projektes bildete ein überregionales Colloquium, auf dem die Projekterfahrungen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen als Modell für Strukturverbesserungen in strukturschwachen Regionen mit einem bundesweiten Publikum diskutiert wurden. Im Rahmen der Diskussion mit AkteurInnen der Flüchtlingsarbeit, Verantwortlichen aus Gesundheits- und Sozialpolitik und den Wohlfahrtsverbänden sollten dabei Impulse für entsprechende Aktivitäten in weiteren strukturschwachen Regionen der BRD gesetzt werden.

AnsprechpartnerInnen

Alle ProjektpartnerInnen stehen Ihnen sehr gerne für Fragen zur Versorgungssituation von Flüchtlingen in den Bundesländern, für Kooperationsanfragen, Interviews und Medienbeiträge zur Verfügung.

Sachsen-Anhalt:

PSZ Sachsen-Anhalt
Kontakt: Tobias Drehsen (Tel.:  0391/63109807; E-Mail: drehsen@psz-sachsen-anhalt.de)
 

Thüringen:

Refugio thüringen e.V.
Kontakt:  Anne Tahirovic (Tel.:  03641/22 62 81; E-Mail: koordination@refugio-thueringen.de)
 

Sachsen:

Caktus e.V., Leipzig
Kontakt: Katrin Tutar (Tel.:  0341/ 225 45 44; E-Mail: tutar@caktus.de)
 

bundesweit:

BAfF e.V.
Kontakt: Jenny Baron (Tel.: 030/ 310 124 63;  E-Mail: jenny.baron@baff-zentren.org)

Das Pilotprojekt wurde gefördert durch die EU-Kommission („Pilot Projects on Victims of Torture“)

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