„Wir müssen reden“ – Rassismus thematisieren in mehrheitlich weißen Beratungs- und Therapiestrukturen im Kontext Flucht

„Wie kann ich meiner Klientin vermitteln, dass sie jetzt in Sicherheit ist, dass ihre Flucht vorbei ist, dass wir versuchen können, den Verlust ihres Mannes und ihrer Kinder, ihre Gewalterfahrungen vor und während der Flucht in der Therapie zu bearbeiten, wenn sie draußen auf der Straße bespuckt wird, wenn sie beleidigt wird, wenn sie sich in der Unterkunft nicht sicher fühlen kann?“

Diese Frage einer Psychotherapeutin betrifft einen Kern der Arbeit der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (PSZ): Dort soll ein sicherer Raum für Geflüchtete geschaffen werden, damit sie über ihre Erlebnisse und Erfahrungen sprechen und psychosoziale Beratung und Unterstützung erhalten können. Auf der Basis eines menschenrechtlichen Ansatzes soll im Kontakt mit dem Hilfesystem PSZ und seinen Netzwerken zumindest ein Stück weit Gerechtigkeit hergestellt werden. Doch oftmals ist eben dieses Herstellen von Sicherheit und Gerechtigkeit das Problem: Wie kann ein solcher Raum in den PSZ geschaffen werden, wenn in der Gesellschaft zunehmend rassistische und geflüchtetenfeindliche Tendenzen präsent sind? Wenn Geflüchtete und ihre Unterkünfte angegriffen werden? Wie können auch die Mitarbeiter*innen in den Zentren eine rassismus- und diskriminierungskritische Beratungs- und Therapiepraxis ermöglichen, die Machtstrukturen im PSZ und eigene Privilegien und Positionen in der Gesellschaft reflektieren und abbauen?

Rassismus ist ein Thema, das derzeit auch in der mehrheitsgesellschaftlichen Debatte wieder eine größere Rolle spielt. Insbesondere durch rassistische Polizeikontrollen („racial profiling“[1]), Übergriffe und Todesfälle durch Polizeigewalt in den USA wird das Thema wieder vermehrt diskutiert. Die Black Lives Matter Bewegung hat es geschafft, weltweit viel Aufmerksamkeit und eine breite Unterstützung zu finden. Aber nach wie vor wird in Deutschland bei der Diskussion über Rassismus der Blick zuerst in Richtung anderer Kontexte, wie die USA, Polen oder Ungarn gerichtet und dabei verdrängt, dass Rassismus auch in der deutschen Gesellschaft nach wie vor spürbar ist – und das nicht erst in den letzten Jahren. Aufbauend auf Deutschlands Geschichte von Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus mehren sich seit den 1990er Jahren rassistische und rechtsextreme Übergriffe, die oft mit zunehmenden Zahlen von Geflüchteten in Deutschland in Verbindung gebracht werden. So auch im Jahr 2015 – mit der Zunahme der ankommenden geflüchteten Menschen in Deutschland zeigten sich öffentlicher und stärker rassistische Tendenzen in der Gesellschaft.

Dies kann zum einen an den Aufmärschen von Pegida (Abkürzung für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) festgemacht werden. Rechtspopulistische und rassistische Parolen schafften es dort, tausende Menschen auf die Straße zu bringen – zeitweise sogar mehrere Zehntausende. Begonnen hat die „Bewegung“ in Dresden, mobilisiert wurde aber deutschlandweit mit großen Demonstrationen auch in München, Köln, Düsseldorf, Berlin, Magdeburg, Rostock und Leipzig.[2] Zum anderen sehen wir das etwa an den Statistiken zu Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte, deren „Höhepunkt“ 2015 mit über tausend Anschlägen erreicht wurde.[3] Das Aufkommen der AfD (Alternative für Deutschland) als Partei dieser „Bewegung“ und die Wahlerfolge in den letzten Jahren zeigen, dass der Rechtspopulismus nun mit einer Partei im Bundestag vertreten ist. Und die Selbstenttarnung des NSU hat Ängste und Befürchtungen von migrantischen Communities bestätigt: auch die deutsche Polizei schaut zuerst auf die Migrant*innen als Tatverdächtige und schützt damit rechte Strukturen und nicht die Opfer von rechtsextremen Taten (vgl. Bozay et al. 2016).[4] Was wiederum den Bogen zu den derzeitigen Black Lives Matter Demonstrationen in Deutschland spannt: Denn auch hier gibt es racial profiling, auch hier werden öfter BIPoC als Täter*innen behandelt und kontrolliert.

Für die Arbeit mit geflüchteten Menschen spielt das Verhältnis zu Polizei und Staatsgewalt eine große Rolle. Viele Geflüchtete kommen aus Staaten, in denen sie von Polizist*innen oder von Soldat*innen gefoltert oder verfolgt wurden, sind durch Länder geflohen, in denen ihnen Gewalt von Sicherheitskräften angetan wurde. Dies spiegelt sich zum Beispiel in der Wahrnehmung von Menschen in Uniformen auch in Deutschland wider, wie in vielen Gesprächen mit geflüchteten Klient*innen in den PSZ berichtet wird.  

Aber nicht nur in der Polizei findet sich institutioneller Rassismus[5] wieder – auch Behörden, Ämter, politische Institutionen sind nicht frei davon. Daraus folgt, dass Menschen häufig nicht ausreichend vor physischer und psychischer Gewalt geschützt werden – auch nicht hier in Deutschland.

Die derzeitige weltweite Pandemie wirkt sich auch auf diskriminierende Strukturen aus. So betreffen oftmals die Einschränkung zur Eingrenzung des Covid-19-Virus geflüchtete Menschen deutlich stärker. Teilweise wurden Unterkünfte von Geflüchteten kollektiv unter Quarantäne gestellt, weil ein oder zwei positiv getestete Menschen dort lebten. Die räumlichen Bedingungen in den Unterkünften erlauben es nicht, den Mindestabstand zu anderen Personen oder hygienische Standards einzuhalten. Uns wurde berichtet, dass Personen aufgrund ihrer Hautfarbe in der Öffentlichkeit gemieden wurden – darauf angesprochen war die Vermutung, dass sie als People of Color in einer Gemeinschaftsunterkunft leben könnten, Grund genug für mehr Abstand. Zudem verstärkte sich der Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Personen: Der Covid-19-Virus gilt vielen Menschen als „asiatischer Virus“, Asiat*innen wird die Schuld an der Ausbreitung des Virus gegeben.

Doch nicht nur die gesellschaftlichen und institutionellen Strukturen gilt es zu kritisieren – auch die (psychosozialen) Hilfesysteme, welche explizit solidarisch agieren, sind nicht frei von rassistischen Strukturen, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und dem von uns Erlernten. Auch Menschen, die sich aktiv gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Menschenrechtsverletzungen einsetzen, können Rassismus ungewollt und unbewusst reproduzieren, haben in der Schule und anderen Strukturen rassistisches Wissen erlernt und erfahren in unterschiedlichem Ausmaß Privilegien durch diese gesellschaftliche Strukturierung. Das gilt es zu reflektieren, das eigene Verhalten regelmäßig zu hinterfragen und Veränderungen anzustoßen. Gerade in der Arbeit in einem zu großen Teilen weißen Arbeitsumfeld, welches sich solidarisch mit Geflüchteten sieht, muss eine Auseinandersetzung mit Rassismus stattfinden. Am Anfang steht der Satz, welcher zugleich Imperativ als auch Einladung bedeutet: „Wir müssen reden”.

Im Jahr 2016 haben wir als Dachverband der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer – kurz BAfF e. V. – begonnen, mit geflüchteten Klient*innen, Berater*innen und Psychotherapeut*innen Gespräche darüber zu führen, was die zunehmende öffentliche Sichtbarkeit von Rassismus für die Klient*innen bedeutet, wie es sich auf ihr Leben, auf ihre Sicherheit und auch ihre Therapie- oder Beratungssituation auswirkt, und darüber, was es für die Berater*innen und Psychotherapeut*innen in den PSZ bedeutet, ihre Arbeit in dieser gesellschaftlichen Stimmung und in mehrheitlich weißen Strukturen auszuüben. Einige Teams in Psychosozialen Zentren haben bereits Prozesse begonnen, in denen Schulungen und Austausch zu Antirassismus und Empowerment (für die von Rassismus betroffenen Mitarbeitenden) stattfinden, Privilegien und Strukturen hinterfragt werden. Hierzu haben wir exemplarisch mit einem PSZ über ihre Erfahrungen gesprochen.

Wir haben einige der Gespräche für diese Publikation ausgewertet und herausgearbeitet, wie sich Rassismus auf Beratung und Therapie im Kontext Flucht auswirkt. Wir möchten und können keine vollständige Analyse vorlegen – auch, weil unsere Perspektive dazu nicht ausreichen würde – sondern mit dieser Broschüre zur Reflektion über Rassismus in mehrheitlich weißen Hilfesystemen, über die Grenzen der PSZ hinaus, anregen. Inwiefern kann Rassismus in der Therapie und Beratung thematisiert werden? Wie arbeiten Teams zusammen, die unterschiedlich von Rassismus betroffen sind? Welche Anlaufstellen für Trainings, Beratung und Therapie gibt es innerhalb und außerhalb der PSZ?

Die Publikation „Wir müssen reden“ kann hier als pdf heruntergeladen werden oder als gedrucktes Exemplar in unserem Shop bestellt werden.


[1]        Racial Profiling bezeichnet das Vorgehen von Polizist*innen, wenn ihnen keine spezifische Verdächtigenbeschreibung vorliegt, eine Person anzuhalten, zu befragen oder zu verhaften, weil ihnen diese Person wegen rassialisierter Merkmale wie Hautfarbe, Haarfarbe, Kleidung, religiöser Symbole oder Sprache verdächtig erscheint. (Definition nach Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (2016): Alltäglicher Ausnahmezustand). „Racial Profiling gilt als verfassungswidrig und mit dem Prinzip der Gleichbehandlung nicht vereinbar.“ (ebd., S. 11)

[2]        Zur Chronik von Pegida bei Belltower.

[3]        Eine ausführliche Web-Dokumentation findet sich bei https://www.ari-dok.org/webdokumentation/

[4]        Umfangreiche Recherchen und Analysen zum „NSU-Komplex“ finden sich etwa bei NSU Watch.

[5]        Als Institutioneller Rassismus wird das Zusammenwirken von gesellschaftlichen und staatlichen Insitutionen und Behörden, ihren Normen und Praktiken in der Produktion und Reproduktion von Rassismus verstanden (nach Thompson 2020).