Tagungsdokumentation „Traumatische Zeiten“

„Traumatische Zeiten“ – so lautete der Titel der gemeinsamen Fachtagung der BAfF und medico international im Juni 2016. Die Tagung bezog sich auf die zwei Seiten der derzeitigen gesellschaftlichen Diskussion um Geflüchtete in Deutschland und Europa: Abwehr und Solidarität. Auf der einen Seite stehen Asylrechtsverschärfungen, rassistische Proteste und das Erstarken von asylfeindlichen Parteien. Dem gegenüber stehen auf der anderen Seite die große Solidarität, das ehrenamtliche Engagement und das Empowerment für geflüchtete Menschen. Es ergibt sich ein schwer zu ertragendes Spannungsfeld.

Mit über 100 Teilnehmenden und spannenden Referentinnen und Referenten haben wir vergangenes Jahr eine erfolgreiche Tagung veranstaltet. Nun ist die Tagungsdokumentation mit allen spannenden Beiträgen hier online verfügbar oder in unserem Shop als Druckexemplar zu bestellen.

 

„Traumatische Zeiten – Geflüchtete zwischen Solidarität und Abwehr“, pdf (4,3MB)

Als Einblick hier das Vorwort der Vorsitzenden der BAfF, Elise Bittenbinder:

 

Elise Bittenbinder: „Traumatische Zeiten – Geflüchtete zwischen Solidarität und Abwehr“

Als vor fast 40 Jahren das erste Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge und Folteropfer in Frankfurt gegründet wurde, sprach eigentlich noch niemand über Trauma – heute kann man dem Thema kaum noch entfliehen. Und gerade in Zusammenhang mit geflüchteten Menschen kann man heute beinahe täglich in Fachzeitschriften oder Medien über traumatisierte Geflüchtete lesen und hören. Vielleicht bin ich auch deswegen mittlerweile dazu übergegangen, immer auch zu betonen, dass Trauma nicht alles sein kann über das wir beim Thema Flucht sprechen. Denn es gibt noch viele andere wichtige Bereiche, die nicht genug Aufmerksamkeit erhalten. Der Tagungstitel „Traumatische Zeiten“ sollte daher auch all diese Themenbereiche mit umreißen, die in der schnelllebigen Zeit unterzugehen drohen.

Und auch der Untertitel der Tagung, „Geflüchtete zwischen Abwehr und Solidarität“, wurde mit Bedacht gewählt. Die humanitäre Krise im mittleren Osten hat dazu geführt, dass sich sehr viele Menschen auf den Weg gemacht haben, um ihr Überleben zu sichern. Und uns in Deutschland hat diese „Krise“ auf eine unerwartete Weise gezeigt, wie solidarisch Menschen sein können. Plötzlich standen die Psychosozialen Zentren und die BAfF als Dachverband im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die Zentren und die BAfF wurden zu Vernetzungspunkten für viele ehrenamtliche Professionelle, die ihre Hilfe anbieten wollten, die aber auch Anleitung, Struktur und Austausch suchten. Und so wurde aus den vielen gemeinsamen Interessen und Anknüpfungspunkten eine noch aktivere Zusammenarbeit mit medico international, die unter anderem auch zu dieser Tagung geführt hat und für deren Unterstützung wir uns nur immer wieder bedanken können. Und speziell möchte ich Usche Merk für die gute Zusammenarbeit danken, der Referentin für psychosoziale Arbeit bei medico international. In ihrer fachlichen Arbeit kann sie auf ein breites Wissen und viele Erfahrungen zurückgreifen, die sie teils auch vor Ort in so genannten Krisengebieten gesammelt hat. Ihr Beitrag „Was Menschen bewegt – Fluchtursachen und Überlebenskämpfe“ bietet einen Einblick in einen Teil dieser Erfahrungen und sie berichtet darüber, wie Menschen um ihr Überleben kämpfen und was sie zur Flucht bewegt.

Solidarität und Abwehr, das sind zwei Seiten des derzeitigen gesellschaftlichen Diskurses zur Situation Geflüchteter in Deutschland und Europa. Auf der einen Seite stehen Asylrechtsverschärfungen, rassistische Proteste, strukturelle Diskriminierung und das Erstarken von ausländerfeindlichen Parteien. Auf der anderen Seite sieht man große Solidarität, ehrenamtliches Engagement, eine enorme Nachfrage nach Schulungen und die deutlich wachsende Selbstorganisation und das Empowerment geflüchteter Menschen. Ein interessantes Spannungsfeld. Egal wie man dem gegenübersteht: unsere Gesellschaft verändert sich gerade. Hannah Arendt schrieb in einem politischen Essay 1943 mit dem Titel Wir Flüchtlinge: „Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge’ nennt, wir selbst bezeichnen und als Neuankömmlinge, oder als Einwanderer.“ Und auch in unserer alltäglichen Arbeit erleben wir den Kampf und das gesellschaftliche Spannungsfeld. Mein Kollege Dieter Koch, der als Psychotherapeut und Leiter von XENION in Berlin arbeitet, hat mit einigen seiner KlientInnen vom Oranienplatz lange und sehr engagiert um ihren Aufenthaltstitel gekämpft. Als der Kampf hoffnungslos schien und er selbst bereits völlig resigniert war, sagte ein Klient zu ihm: „Wer wird denn da die Flügel hängen lassen, wir schaffen das! Wir werden erreichen, dass sie uns zuhören“. Dieter Koch war sehr bewegt davon – und nicht nur von den Worten selbst, sondern von der tiefen Überzeugung, die ihn wieder daran erinnerte, mit welcher Überzeugung er selbst seine Arbeit begonnen hatte.

Nachdem das Thema Flucht von der Außenperspektive betrachtet wurde, geben wir das Wort an eine Person, die von ihren persönlichen Erlebnissen und ihrer politischen Arbeit berichtet: Napuli Paul Langa war eine der AktivistInnen des Protestkampfs am Oranienplatz. Die Menschenrechtsaktivistin zeigt in ihrem Beitrag die Abwehrmechanismen unserer Gesellschaft auf und hinterfragt, wie diese auf diejenigen wirken, die bei uns Schutz suchen.

Ulrich Wagner analysiert auf der sozialpsychologischen Ebene die deutsche Gesellschaft und die Flüchtlingsdiskussion. Er ist Professor für Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie und im Zentrum für Konfliktforschung der Philipps Universität Marburg und hat aktuell „Sozialpsychologische Empfehlungen an Gesellschaft und Politik zum Umgang mit Geflüchteten in Deutschland“ verfasst. Ulrich Wagner beschäftigt sich in seinem Vortrag mit den sozialpsychologischen Mechanismen und Implikationen, die sich aus dem gesellschaftlichen und politischen Umgang mit Geflüchteten ergeben.

Aus dem historischen Kontext heraus wird Angela Kühner sich dem Thema Trauma nähern. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut in München beschäftigt sich mit Geflüchteten im psychologischen Blickregime.

Um uns auch auf praktischer Ebene der Frage „Was hilft“ zu nähern, hat sich ein ganzes Team aus den psychosozialen Zentren mit dieser schwierigen Frage beschäftigt. Auf diesem Wege wollen wir aus allen Blickwinkeln sehen, was Menschen aus den verschiedenen Arbeitsbereichen für hilfreich empfinden, um am Ende hoffentlich genau zu wissen, was wirklich nötig ist, um Menschen gut zu unterstützen.

Einen Blick von außen bringt auch Dr. Martin Auerbach herein: Der nationale klinische Direktor von AMCHA berichtet aus Jerusalem, wie dort die KollegInnen von AMCHA Holocaustüberlebende unterstützen. Wir haben bereits in der gemeinsamen Arbeit festgestellt, dass unsere Arbeit mit traumatisierten Geflüchteten und die Arbeit von AMCHA viele Ähnlichkeiten aufweist. Martin Auerbach wird darauf eingehen und uns die Frage beantworten, welche Erfahrungen wir aus der Arbeit mit Holocaust-Überlebenden für unsere Arbeit nutzen können.

In einer Zusammenfassung der Abschlusspodiumsdiskussion wollen wir die wichtigsten Diskussionsfäden zusammentragen. Die Frage, wie wir die politische Diskussion beeinflussen und mit den Erfahrungen aus unserer Arbeit prägen können, war uns wichtig. Das Ergebnis der Diskussionsrunde wird in einem extra Beitrag festgehalten.

Können wir mit unserer Arbeit und mit unserem Engagement eigentlich etwas verändern? Diese Frage wurde mir kürzlich bei einer Diskussion gestellt, als ich etwas zu den Veränderungen durch die Asylpakete sagen sollte. Und obwohl diese Frage eine gesellschaftspolitische Frage ist, die auf eine Veränderung auf der gesellschaftspolitischen Ebene abzielt, hat sie immer auch etwas mit der persönlichen Haltung zu tun und mit der Überzeugung, mit der wir diese Arbeit noch oder gerade jetzt tun. Und ich erinnere noch einmal an das Zitat des Mannes vom Oranienplatz: „Wer wird denn da die Flügel hängen lassen, wir schaffen das! Wir werden erreichen, dass sie uns zuhören“.

Ich bin immer noch der festen Überzeugung, dass wir mit unserer Arbeit und unserem Engagement etwas verändern können. Aber ich weiß auch, dass wir uns immer wieder für Menschenrechte einsetzen und für diese kämpfen müssen. Nur so werden wir erreichen, dass wir gehört werden und etwas verändern können. Dazu brauchen wir nicht nur die tiefe Überzeugung und den festen Willen, sondern auch Fachwissen und praktische Hilfen. Auf der Tagung „Traumatische Zeiten“ wollten wir beides leisten. Der Tagungsband soll nun für alle Interessierten die Möglichkeit bieten, die Inhalte der Tagung nachzulesen und Neues zu lernen oder Wissen zu vertiefen.