Tagungsdokumentation der BAfF-Tagung 2017 in Bremen: „Das Persönliche und das Politische“

Auf der BAfF-Tagung 2017 in Bremen haben wir uns unter dem Titel „Das Persönliche und das Politische“ die fachliche und politische Diskussion um die therapeutische Behandlung Geflüchteter unter den sich ändernden gesellschaftlichen und politischen Bedingungen aufgegriffen. Ausgehend von dem initialen Funken bei der Gründung der Zentren bewegen wir uns heute zwischen „festem Bestandteil der Versorgungsstruktur“ und Funktionalisierungsbegehren verschiedener Seiten. Anhand von Fragen zur Entwicklung des Traumakonzepts, der Rolle und Bedeutung von Früherkennung oder dem Einfluss der Politik auf die Arbeit der Behandlungszentren wollen wir uns verorten und Räume für Perspektiven und neue Ziele schaffen.

Die Dokumentation der Fachtagung ist als pdf Datei verfügbar: Tagungsdokumentation „Das Persönliche & das Politische“ oder kann in gedruckter Form bestellt werden

 

Das Grußwort auf der BAfF-Tagung in Bremen hat 2017 der Stellvertretende Vorsitzende der BAfF und Mitbegründer von Refugio Bremen, Prof. Dr. Heinz-Jochen Zenker, gehalten:

 

Die Geschichte von Refugio ist exemplarisch für viele zivilgesellschaftliche Bewegungen

© BAfF e.V.

Sehr geehrte Frau Senatorin, liebe Karoline Linnert, liebe Freundinnen und Freunde sowie Aktivisten von Refugio, liebe Kolleginnen und Kollegen aus den inzwischen über 30 PBsZs, die sich unserem Dachverband, der BAfF zusammengeschlossen haben,- und liebe Gäste. Für mich, der ich lange in der Gesundheitsverwaltung Bremens gearbeitet habe und mit ein paar »Unentwegten« 1989 Refugio Bremen auf die zunächst holprige, dann aber zunehmend flotte Reise schicken konnte, ist es eine besondere Freude und Ehre, die heutige Jahrestagung mit eröffnen zu dürfen.

Das war schon eine aufregende Zeit mit stundenweisen Angeboten im damaligen Gesundheitsladen, den vorübergehenden finanziellen Engpässen, den zeitweiligen Schließungen und der wahrlich ungewissen Zukunft! Die Geschichte von Refugio ist exemplarisch für viele zivilgesellschaftliche Bewegungen, d.h. auch für alle unsere Zentren und die BAfF, sie waren und sind erstens Ausdruck des Erkennens eklatanter Defizite, hier in der gesundheitlichen Versorgung von Flüchtlingen, und zweitens dem Willen, sich fachpolitisch in Initiativen und Vereinen haupt-und ehrenamtlich für die Beseitigung dieser Defizite einzusetzen. Womit wir beim Thema der Tagung wären. Es geht um das Persönliche und das Politische.

Die Bundesrepublik hat sich nach Art.20 und 28 als demokratischer und sozialer Rechtsstaat zur Daseinsvor- und Fürsorge verpflichtet. Überprüft man diese Verpflichtung im Feld der Gesundheitsversorgung, so fällt auf, dass sich die Politik weitgehend aus dieser Verpflichtung entlassen und die Verantwortung bzgl. des Leistungsspektrums und dessen Umsetzung an die Selbstverwaltung von Leistungsträgern- und Erbringern delegiert hat. Dies wiederum hat zu einer Ökonomisierung, Angebots- und mangelnden Bedarfsorientierung geführt in deren Folge die sog. »unattraktiven«, meist ausgegrenzten und vulnerablen Zielgruppen ohne Lobby wie z.B. Obdachlose, Süchtige aber auch seelisch belastete Flüchtlinge im traditionellen Versorgungssystem das Nachsehen haben. Das »Inverse Care Law« J.T. Harts (Lancet 1972) lässt grüßen. So sehen sich Leistungsträger, wie die Krankenkassen die inzwischen aus Wettbewerbsgründen auch alternative, wissenschaftlich nicht haltbare Maßnahmen finanzieren, genauso wie die Politik, immer noch nicht in der Lage, sich endlich für die Refinanzierung von Dolmetscherleistungen
in der Gesundheitsversorgung von Migranten einzusetzen. Die Verwirklichung der Rechtsansprüche von Flüchtlingen auf psychotherapeutische Behandlung ist weiterhin mit nicht nachvollziehbaren Hürden verbunden. Und die Politik hält grundgesetzwidrig an den Einschränkungen der Leistungen für Flüchtlinge als Instrument der migrationspolitischen Abschottung fest.
Eine derartige Politik der intendierten und verwalteten Missstände provoziert die Entstehung zivilgesellschaftlichen Engagements. Bürgerinnen und Bürger schließen sich zusammen, begreifen sich als soziale Bewegung, als gelebte Demokratie, als konstruktive dialektische Alternative zur Politik und deren Verwaltung. Die Motivation aktiv zu werden, entspringt persönlichen, moralischen, ethischen und politischen Haltungen sowie beruflichen Erfahrungen, womit wir wieder beim Thema der heutigen Tagung wären. Jeder von uns hat bereits oder kann sich als Person, mit seiner Lebens- und professionellen Erfahrung positionieren, es geht also nicht nur um die Qualifizierung psychosozialer und psychotherapeutischer Arbeit, sondern auch um den gesellschaftlichen und politischen Kontext, d.h. die Fragen, die mit der Notwendigkeit der Politikbeeinflussung und strukturellen Verbesserungen verbunden sind.

Die BAfF, als Pendent zu allen Zentren auf Bundesebene leistet politische »advocacy«, versucht die Verschärfung der Asylgesetzgebung zu verhindern, streitet für eine bessere Refinanzierung, veröffentlicht mit Unterstützung der Zentren Versorgungsberichte, beteiligt sich an Forschungsprojekten und baut an einer eigenen Fort- und Weiterbildungs-Akademie. Die BAfF ist international vernetzt, am nächsten Wochenende findet das europäische Netzwerktreffen in Bukarest statt.

Doch zurück zum spannenden Tagungsprogramm: Es geht um die Prävention transgenerationaler Weitergabe von Traumatisierungen, um Gruppenkonzepte für Geflüchtete, genauso wie um den Umgang mit destruktiven und gewalttätigen Anteilen in der Arbeit unserer Zentren. Bereits beim ebenfalls behandelten Thema des Dilemmas der Gutachten in den Asylverfahren wird jenseits hoher professioneller Ansprüche der migrationspolitische Kontext deutlich, da geht es bekanntlich nicht nur um hohe Fachlichkeit und Qualitätsstandards (keine Gutachten nach Aktenlage wie
in Bremerhaven!!) sondern auch um Gefahren der Instrumentalisierung von allen Seiten der Beteiligten, einschließlich durch den Gutachter selbst.

Weitere Workshops bearbeiten den Umgang mit Medien und erörtern die bundesrepublikanischen Bemühungen, die Fluchtgründe in Nordafrika zu »bekämpfen« und deren Auswirkungen auf die dortige Flüchtlingsarbeit. Es schließt ein weiterer Themenkomplex an, der am Samstag behandelt wird: Ethik der sozialen Arbeit, Umsetzung von Grund –und Menschenrechten in der
Praxis. Hier kann ich meine Bitte an die Bremer Politik, die humanitäre Sprechstunde wieder aufzunehmen, platzieren. Der ungehinderte Zugang zur Basisversorgung gilt menschenrechtlich auch für undocumented migrants (UDM) genauso wie für alle Nichtversicherten. Die Regelversorgung kann diese Aufgabe aus strukturellen Gründen nicht leisten. Bremen war doch lange ein engagiertes Bundesland in Sachen Migration und Gesundheitssicherung und sollte es auch bleiben! Die jahrzehntelange Förderung von Refugio war und ist vorbildlich. Das führt zu der Frage nach der Zukunft der Psychosozialen Zentren und deren Positionierung im System. Und wie geht es weiter im politischen Kontext?
Die Anzahl der Zentren hat erheblich zugenommen, der Bund und die Länder haben Ihre Mittel aufgestockt.

Regional erfolgversprechend sind Gespräche wie sie z. Zt. zwischen dem Bremer Senat, der örtl. KV und der AOK geführt werden. Das betrifft vermutlich nur die Psychotherapie, aber immerhin! Viele Zentren bestehen seit Jahrzehnten, eine fachliche und strukturelle Integration in die tradierte Versorgungslandschaft ist z.Zt. wegen der komplexen Aufgabenstruktur nicht in
Sicht. Wir betrachten uns deshalb als eigenständiger Teil der Regelversorgung und bedauern, dass es, trotz aller Fortschritte, bisher nicht gelungen ist, eine flächendeckende Versorgung aufzubauen. Das liegt auch an der fehlenden staatlichen Absicherung bzw.an einem Mischfinanzierungsmodell. Wir müssen uns deshalb weiter zivilgesellschaftlich ins Zeug legen, auch nach
dem angeblichen Ende der Willkommenskultur.

Ich wünsche Euch und Ihnen einen lebhaften professionellen Austausch und eine intensive fachpolitische Debatte, die in der augenblicklichen Situation in Deutschland und Europa von so grundlegender Bedeutung ist.

Viel Spaß, viele persönliche Begegnungen verbunden mit einer Kraftschöpfung für die nicht abnehmenden Herausforderungen.