„Isolation und Ausgrenzung sind Gift für geflüchtete Menschen“ – ein Gespräch über die Zustände vor dem Lager in Horst

„Schluss mit Ausgrenzung und Isolation“. Bild einer Mahnwache vor den Toren des Lagers Horst. © Carsten Orth, für die Mahnwachen: Pro Bleiberecht

Ankerzentren und eine weitere europäische Abschottung prägen derzeit die politischen Diskussionen. Wir wollen einen Blick auf die Erstaufnahmestelle in Horst, Mecklenburg-Vorpommern, werfen. Unabhängige Beratung ist so gut wie nicht möglich, das Lager liegt abgeschieden, Ehrenamtlichen wird der Zugang verwehrt. Wir haben mit Ernst-Ludwig Iskenius über die Zustände in Horst gesprochen. Er hat lange Refugio Villingen-Schwenningen geleitet , ein Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge und Folteropfer in Baden-Württemberg. Er demonstriert jeden Monat mit der Initiative Pro Bleiberecht MV gegen die Zustände in Horst.

 

Lieber Ernst-Ludwig Iskenius, in Horst werden Geflüchtete bereits sehr isoliert und abgeschirmt von der Außenwelt untergebracht. Wie wirkt sich diese Isolation Ihrer Erfahrungen nach auf die Bewohner*innen aus?

Jeder Mensch ist ein soziales Wesen. Das gilt auch für Geflüchtete. Gerade wenn man aus einem fremden Land, einer fremden Kultur, erzwungener Maßen flieht oder gar verfolgt wird, ist das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen besonders groß.

Isolation und Ausgrenzung sind für sie Gift und verstärken zusätzlich die psychischen Probleme oder gar Störungen, die durch Verfolgung, Krieg, Gewalterfahrungen, Flucht hervorgerufen worden sind. Menschen, die schon in ihrer Heimat isoliert wurden, werden an diese häufig traumatisierenden Erlebnisse wieder erinnert, die Isolation wirkt hier als ein verstärkender Trigger.

Viele Menschen bezeichnen gegenüber uns die isolierenden Bedingungen der Lager als offene „Freiluftgefängnisse.“ Sie fühlen sich zusätzlich vom Schicksal bestraft, erleben eine neue Ohnmacht. Gerade traumatisierte Menschen, deren Weltbild und Menschenbild tief erschüttert worden ist und die sich deshalb unbewusst von der Umgebung zurückziehen, brauchen dringend vertrauensvolle Personen, bei denen sie wieder lernen können, Vertrauen, Sicherheit und Schutz zurückzugewinnen. Geflüchtete von der Gesellschaft zu trennen und zu isolieren ist unmenschlich und zerstört zusätzlich Hoffnungen, die häufig noch das einzige sind, was diese Menschen noch trägt. Umgekehrt verliert die Gesellschaft auch entscheidende Impulse: In der Regel haben diese Menschen uns viel zu sagen, zu zeigen und zu geben. Lassen wir die politisch gewollte Isolation zu, schneiden wir uns von wertvollen Begegnungen ab und verarmen selbst.

Eine frühzeitige Integration in die Einwanderungsgesellschaft und die Chance auf eine neue Heimat ist eigentlich eine win-win Situation für alle Seiten. Das muss den politisch Verantwortlichen immer wieder klargemacht werden.

 

Die Bedingungen in den Unterkünften sind häufig sehr unzureichend und erfüllen nicht mal Minimalstandards – z.B. dürfen Kinder nicht in die reguläre Schule gehen, Hygiene und Sauberkeit sind schlecht, es fehlt an Privatsphäre. Was macht das mit den Menschen in diesen Unterkünften?

Menschen, die die Belastungen durch häufig Monate lange Verfolgung und Flucht endlich hinter sich lassen wollen, brauchen ein möglichst schnelle Normalisierung ihres Alltages. Nur so können sie wieder ihre Ressourcen und inneren Bewältigungsmöglichkeiten entfalten. Ein ständig nur improvisiertes Leben, wie es ihnen in diesen Lagern vorgegeben wird, ist ein zusätzlicher Stress und erzeugt ständig Unsicherheit. Diese stellt für viele einen weiteren Trigger für ihre schrecklichen Erinnerungen dar und vertiefen die Folgen ihrer Traumatisierung. Sie erzeugen auch Schuldgefühle, besonders, wenn Dritte, z.B. ihre Kinder, davon betroffen sind. Sie kommen niemals zur Ruhe. Besonders unter dem Lärm und der fehlenden Privatsphäre leiden viele Geflüchtete in diesen Lagern. Folgen sind ständige Hyperarousal-Zustände und Schlaflosigkeit.

 

Gerade für traumatisierte Menschen ist Sicherheit ein wichtiges Bedürfnis und Grundlage für ihre psychische Stabilisierung. Wie geht es diesen Menschen in Unterkünften, wo sie u.a. ihr Zimmer nicht abschließen können, keine Rückzugsräume vorhanden sind und Sanitäranlagen gemeinschaftlich genutzt werden?

Privaträume sind häufig das einzige, was diesen Menschen an inneren Rückzugsmöglichkeiten bleibt, um sich sicher zu fühlen und nicht ständig vermeintlichen äußeren Bedrohungen ausgesetzt zu sein. Sie haben ja häufig auf ihren langen Fluchtwegen diesen Schutz und die Privatsphäre vermissen müssen oder sie wurde ihnen gewaltsam genommen. Werden diese zumindest für sie so elementaren Schutzräume jetzt erneut genommen, erleben sie weiterhin ihre Umgebung als bedrohlich. Wegen der häufig überproportional auftretenden Konflikte, die sich in verbaler, manchmal auch physischer Gewalt entladen können (wenn man so viele psychisch belastende Menschen auf so engen Raum über Monate zusammenpfercht), besteht die ständige Gefahr einer Reaktualisierung oder gar Retraumatisierung oder das Setzen neuer Traumata.

Zumindest können sie sich niemals entspannen, sondern bleiben in ihrer Hyperarousal-Symptomatik hängen. Das macht nicht nur psychisch krank, sondern setzt auf Dauer physische Schäden – die Gefahr für Bluthochdruck, Herzinfarkten, psychosomatischen Erkrankungen steigt.

 

Abschiebungen finden in solchen Unterkünften häufig in der Nacht statt. Wie wirkt sich das auf die Bewohner*innen aus? Wie gehen sie mit dieser fortwährenden Unsicherheit um?

Abschiebungen stellen immer eine Gewalt dar. Sie erzeugen auch bei Unbeteiligten Angst und Schrecken. Sie zeigen nicht nur bei den Betroffenen, dass sie unerwünscht sind, sondern auch bei den Unbeteiligten, dass ihnen stets unvorhergesehen das gleiche Schicksal ereilen kann. Wenn ich morgens in unser psychosoziales Behandlungszentrum kam und dort 2, 3 meiner Klient*innen unangemeldet vorfand, wusste ich sofort, dass Nachts in der Unterkunft wieder eine Abschiebung stattgefunden hat. Viele können vor Angst nicht schlafen, selbst wenn sie nicht gefährdet sind. Jedes Geräusch lässt sie aufschrecken, zum Fenster eilen und sie müssen sich versichern, dass die Polizei nicht vor ihrer Türe steht. Die Erwartungsangst ist gewaltig und lässt sich therapeutisch auch nicht reduzieren. Es ist der schlimmste Belastungsfaktor, der in der Regel diese Menschen sehr schnell zermürbt. Besonders verheerend wirkt sich diese ständige Unsicherheit auf die Kinder aus. In der Regel erleben sie die Erwachsenen als hilflos und handlungsunfähig. Schon nach kurzer Zeit tritt eine Rollenumkehr und hochgradige Parentifizierung mit all den psychischen, entwicklungshemmenden und sozialen Folgen ein. Viele erleben diese Situation als „Hölle“ und tauchen deshalb vorzeitig unter. Ein Leben in einer Atmosphäre der permanenten Unsicherheit, gerade wenn die Bewohner selbst noch keinen sicheren Bleibestatus haben, macht krank und lässt alte Wunden nicht vernarben. Das Menschenrecht auf Gesundheit wird in solchen Einrichtungen, die als Ankerzentren nun geplant werden, mit Füßen getreten.

 

 

Bereits jetzt haben in vielen Unterkünften unabhängige Berater*innen keinen Zugang zu den Bewohner*innen. Können sich die Geflüchteten in dieser Situation noch Informationen zu dem Asylverfahren holen?

Ohne eine unabhängige Beratung kann kaum jemand das komplizierte Asylverfahren verstehen und den Anforderungen nachkommen. Das gilt insbesondere für traumatisierte Menschen, die auf Grund ihres Störungsbildes schweigen, Scham empfinden, aus Angst und Unsicherheit das Entscheidende nicht erwähnen oder jegliche Erinnerungen an die schreckliche Vergangenheit ausblenden wollen. Meine Beobachtungen sind die, dass gerade solche Menschen, wenn sie nicht intensiv auf die Anhörung vor dem Bundesamt vorbereitet werden, nicht anerkannt werden, obwohl sie berechtigte Flucht- und Schutzgründe gelten machen könnten. Häufig ziehen sich dann aus der Fehlentscheidung durch das Bundesamt langwierige Verfahren nach sich, die zusätzlich zermürben oder ihre Traumatisierung chronifizieren lassen. Manche werden zusätzlich durch die Nichtanerkennung ihres Leidens verletzt und verzweifeln zusätzlich an einer gerechten Welt. Deshalb ist der freie Zugang von unabhängigen Beratern die Voraussetzung für ein faires Asylverfahren.

 

Welche Möglichkeiten haben Geflüchtete in diesen Lagern, wenn psychische Belastungen oder Störungen auftreten? Werden diese erkannt und behandelt?

Die medizinische Versorgung ist auf akute, meist physische und somatische Krankheits- und Schmerzzustände beschränkt. Das medizinische Personal hat in der Regel gar keine Zeit, eine ausführliche Anamnese vorzunehmen. In vielen Einrichtungen fehlt den Ärzt*innen und Krankenschwestern auch die notwendigen Dolmetscher*innen, so dass eine sprechende Medizin, die in der Regel die Voraussetzung für Diagnose und notwendigen Behandlungsplan darstellt, überhaupt nicht praktiziert werden kann. Die Ausstattung und Möglichkeiten dieser medizinischen „Lagerversorgung“ ist stark beschränkt, so dass selbst bei gutem Willen häufig das medizinische Personal überfordert ist. Das Recht auf freie Arztwahl, das Recht, eine zweite Stimme bei komplizierteren Entscheidungen einholen zu dürfen, wird ihnen in der Regel verwehrt. Abhängigkeit und Ohnmacht werden verstärkt, gerade in einem Bereich, wo es sehr viel um Vertrauensaufbau und sensibler Intimität geht.

Eine solche eingrenzende „Lagermedizin“ ist abzulehnen. Den Geflüchteten sollte selbstverständlich alle Möglichkeiten unseres Gesundheitsversorgungssystems uneingeschränkt offenstehen. Selbst dieses weist ja genügend Defizite in der Versorgung dieser hoch vulnerablen Personengruppe auf und muss sich, besonders im ländlichen Bereich, noch auf die Bedürfnisse dieser Menschen einstellen. In Mecklenburg-Vorpommern, wo ich zurzeit ehrenamtlich tätig bin, fehlt es schlicht an entsprechenden Fachleuten und qualifizierten Dolmetscher*innen. Auf jeden Fall kann man hier deutlich feststellen, dass die EU-Aufnahmerichtlinie für Geflüchtete und Asylbewerber*innen in keiner Weise umgesetzt wird.

 

Mehr zur Initiative Pro Bleiberecht und den Mahnwachen in Horst