„Daten für Taten“: Indikatoren für Inklusion

inklusion ist menschenrechtDa in Deutschland bislang kein Messinstrument existiert, welches die psychosoziale Situation von Flüchtlingen im Exil umfassend erfasst, initiierte die BafF e.V. im Jahr 2014 das Pilotprojekt „Daten für Taten: Indikatoren für Inklusion“.

Ziel war es, geeignete Indikatoren für die Inklusion von Geflüchteten in die verschiedenen Funktionssysteme europäischer Aufnahmegesellschaften zu entwickeln.
Die soziale Lebenssituation, d.h. der Zugang zu Leistungen gesellschaftlicher Funktionssysteme wie dem Arbeitsmarkt, der Sozialversicherung, der medizinischen Versorgung etc. soll erfasst und vergleichende Aussagen möglich gemacht werden.
Im Mittelpunkt der Projektarbeit stand die Auseinandersetzung mit der Anwendbarkeit etablierter Diagnose- und Klassifikationssysteme auf die Situation Geflüchteter.

Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem sozialdiagnostischen Instrument der Inklusionschart (IC) von Prof. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher. Auf Grundlage einer theorie- und erfahrungsgeleiteten Analyse wurde das Instrument zu einer flüchtlingsspezifischen Inklusionschart (IC_flü).
Entlang erster Erfahrungen aus der Praxis wurde der Nutzen des Messinstrumentes für Diagnostik und Interventionsplanung in der Flüchtlingssozialarbeit diskutiert und im aktuellen gesellschaftlichen Kontext verortet.

Das EEF-Projekt ist ein Kooperationsprojekt der BAfF e.V. mit Refugio Bremen, dem PSZ Düsseldorf, Refugio München und der Charité-Universitätsmedizin Berlin, welches im Zeitraum zwischen Januar und Dezember 2014 stattfand. Begleitet wurde es durch den Entwickler der „Inklusionschart“, Prof. Dr. Pantuček-Eisenbacher.

Für ausführliche Informationen zum Hintergrund, den Zielen und Ergenbissen des Projektes, klicken Sie auf den jeweiligen Abschnitt, um weitergeleitet zu werden.

Hintergrund

Sowohl Zustands- als auch Verlaufsdiagnostik orientieren sich im Handlungsfeld psychosozialer Hilfen zu großen Teilen noch immer an biomedizinischen Taxonomien und fokussieren dabei vornehmlich Symptome individueller Psychopathologie. Nach internationalen wissenschaftlichen, ethischen ebenso wie rechtlichen Standards sind Gesundheit und Rehabilitation jedoch weitaus umfassender und ganzheitlicher definiert und integrieren auch soziale und kulturelle Teilhabe als Determinante von Gesundheit und Wohlbefinden.

Insbesondere für Flüchtlinge als besonders vulnerable Zielgruppe, ist die allgemeine Befundlage zur Angemessenheit ganzheitlicher Versorgungskonzepte nach wie vor unzureichend (Jaranson & Quiroga, 2011). Die höchst komplexe Versorgung von Flüchtlingen und Folteropfern erfordert ein Instrument, mit welchem die Inklusion als Ergebnis der Interventionen psychosozialer Arbeit erfasst und sichtbar gemacht werden können. Ein solches Evaluationsinstrument, das die Komplexität der Versorgung und ihre Wirkungen angemessen erfasst (Montgomery & Patel, 2011), gibt es in der Sozialen Arbeit jedoch noch nicht.

Zur Entwicklung adäquater Monitoring- und Evaluationsinstrumente mussten in diesem Kontext Indikatoren entwickelt werden, welche über die Wirkung rein therapeutischer Interventionen hinaus, auch die der vielfältigen Versorgungsangebote u.a. der psychosozialen und (asyl-) rechtlichen Beratung, der MentorInnenprogramme, Bildungsangebote, geschlechtsspezifischer Gruppenangebote etc. in den Blick nehmen.

So existiert mit der „Inklusionschart“ (Pantuček, 2012) in der sozialen Arbeit ein Instrument zur Sozialdiagnostik und Interventionsplanung, das bei der Analyse und Begründung von Interventionen unterstützt und diese zugleich wissenschaftlich erfassbar macht. Es fokussiert dabei sowohl die persönlichen Ressourcen und Beeinträchtigungen der KlientInnen als auch ihre Möglichkeiten der Teilhabe und Teilnahme. Unterstützungserfordernisse werden in der Inklusionschart jedoch nicht nur im Einzelfall sichtbar – über akkumulierte Daten können Inklusion und Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen aufgezeigt und als Grundlage für Strukturverbesserungen der jeweiligen Versorgungssysteme in den Blick genommen werden.

Ziele

Ziel des Projektes ist die Optimierung der Verfahren zur Qualitätssicherung innerhalb der psychosozialen Versorgung besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge. Vor diesem Hintergrund sollte ein Indikatorenset entwickelt werden, welches Inklusion als Ergebnis der Interventionen psychosozialer Arbeit messbar macht.

Die Indikatoren sollen als Grundlage für die Entwicklung eines Instrumentes fungieren, welches die MitarbeiterInnen der Behandlungszentren für Flüchtlinge und Folteropfer dabei unterstützt, begründete Interventionen zur Förderung der Inklusion ihrer KlientInnen zu planen, durchzuführen und ihre Arbeitsfortschritte und -ergebnisse nachvollziehbar zu beurteilen. Damit soll die Nachhaltigkeit der psychosozialen Arbeit mit besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen gefördert und ein in die tägliche Praxis integriertes Monitoringsystem als fester Bestandteil der Qualitätssicherung etabliert und verbreitet werden.

Mithilfe eines praxisorientierten Forschungsansatzes sollten Indikatoren generiert werden, welche die Komplexität des Handlungsfeldes, die gesellschaftspolitischen, praktischen und ethischen Herausforderungen mit einbezieht und damit kontextspezifischen Standards zur Definition von Qualität und ethischer Angemessenheit in der sozialen Arbeit mit vulnerablen Personengruppen gerecht wird.

Das entwickelte Instrument soll im Sinne der kooperativen Diagnostik der Begleitung dialogischer Unterstützungsprozesse dienen, KlientInnen in den Prozess der Diagnostik und dabei auch der Bewertung von Behandlungsfortschritten mit einbeziehen und damit ihr Wissen über den Interventionsbedarf sowie ihre Handlungsmöglichkeiten zur Veränderung ihrer Situation erweitern. Damit unterstützt es Interventionen, die sie in ihren Ressourcen zu gesellschaftlicher Teilhabe und Partizipation stärken und sie sowohl bei der Überwindung der psychosozialen Folgen extremer Gewalterfahrung als auch im Umgang mit Isolation und Fremdheit, der fremden Sprache, Kultur und Bürokratie sowie mit Barrieren im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem begleiten.

Ein weiteres Ziel des Projektes war es, Leitlinien für die psychosoziale Arbeit mit besonders vulnerablen Flüchtlingen zu definieren, die das Instrument durch praxisnahe und zugleich wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen rahmen. Auf ihrer Grundlage sollte ein Basisdokument formuliert und verbreitet werden, das nicht allein für die bestehende Praxis sondern auch für den Aufbau neuer Einrichtungen und Organisationen im Flüchtlingsschutz nutzbar ist und zugleich als Hintergrundpapier für die Diskussion mit AkteurInnen der wissenschaftlichen ebenso wie der gesundheits- und sozialpolitischen Fachöffentlichkeit sowie relevanten Leistungs- und Entscheidungsträgern fungiert.

Ergebnisse

Zur Arbeit mit dem IC_flü stellen wir folgende Dokumente zur Verfügung:

Das Manual zum flüchtlingsspezifischen Inklusionschart (IC_flü):

Manual zur Inklusionschart (pdf)

Das Formular zur Anwendung der IC_flü in der Praxis:

Formular_IC_flü (docx)

Einen Fachartikel mit Hintergrundinformationen zur Entwicklungsarbeit und zur Anwendung der IC_flü, den wir in der Zeitschrift „soziales_kapital“ veröffentlicht haben:

Artikel_soziales Kapital

Die Ergebnisse wurden in einem Abschlusskolloquium vorgestellt und gemeinsam mit den ExpertInnen diskutiert. Der (Fach-)Öffentlichkeit wurden Sie im Rahmen der jährlich stattfindenden BafF-Tagung, einer Tagung in Österreich, sowie der Präsentation und Vorstellung des Projektes in Arbeitskreisen zur Verfügung gestellt.

 

Wir danken unseren Projektpartnern, unserem wissenschaftlichen Beirat Prof. Pantucek-Eisenbacher vom Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung an der Fachhochschule St. Pölten sowie Dr. Ulrike Kluge und Simone Penka von der AG Transkulturelle Psychiatrie an der Charité Universitätsmedizin Berlin ebenso wie unseren Förderern für die Unterstützung des Projekts!

Das Projekt (Laufzeit 1/2014 – 12/2014) wurde gefördert durch den Europäischen Flüchtlingsfonds (EFF) und kofinanziert von medico international sowie der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Migration (KAM).

 

förderer dft