Reza Y. (Iran)

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"Ich bin nicht zu hundert Prozent an meinem Leben beteiligt und kann nichts dagegen machen. Diese Lebenssituation nimmt mir die oft meine ganze Kraft und ich kann dann keine Lösung mehr sehen für meine Probleme. Das ist kein gutes Gefühl. Ich will nicht über Kleinigkeiten reden, wie ich mich gefühlt habe, was ich machen wollte, aber lange Zeit wollte ich mich wirklich, ich wollte mich fertig machen."

 

Keywords: Lebenssituation im Exil; Wohnheim; psychische Beeinträchtigungen


Zusammenfassung:

Reza Y. Mitte 30 und lebt seit Ende der 90er Jahre in Deutschland. Er musste seine Heimat, den Iran, vor fast 10 Jahren verlassen, nachdem der Geheimdienst regimekritische Materialien bei ihm gefunden hat, die für ihn die Todesstrafe zur Folge gehabt hätten. Im Exil angekommen, stellte Reza Y. einen Asylantrag und wird in ein kleines Dorf umverteilt, in welchem er völlig isoliert einige Jahre lang lebte. Er war dort zunächst in einem von jeder Infrastruktur ausgenommen liegenden Haus zusammen mit anderen Flüchtlingen untergebracht.


Reza Y. stellt immer wieder Anträge, in eine Stadt ziehen zu dürfen, diese werden jedoch abgelehnt. Reza Y. leidet zunehmend unter seiner isolierten Lebenslage. Auch bleiben ihm über eine notdürftige Grundversorgung hinaus keine finanziellen Mittel für weitergehende Aktivitäten, was das soziale Rückzugsverhalten von Reza Y. verstärkt und sich auf sein psychisches Wohlbefinden auswirkt. Der psychische Zustand von Reza Y. verschlechtert sich derart, dass er einen Arzt aufsucht, der ihm auf Grund der depressiven Symptomatik Schlaftabletten verschreibt. Reza Y. ist schockiert über die Diagnose wie auch darüber, dass er nun in einer Situation ist, in der er Medikamente einnehmen soll. „Ich kannte diese Medikamente aus dem Iran, ältere Menschen nehmen manchmal so was. Was soll das? Schlaftabletten, was ist mit mir passiert?“


Reza Y. begreift, dass seine marginalisierte Lebenssituation großen Einfluss auf seinen psychischen Zustand ausübt bzw. dazu beiträgt, dass dieser zunehmend beeinträchtigt ist. Er stellt vor diesem Hintergrund immer wieder Anträge, in eine Stadt ziehen zu dürfen. Parallel zu seinen Bemühungen erhält er einen Therapieplatz in einer Beratungsstelle für Flüchtlinge und Folteropfer in einer Großstadt, wo er zwei Mal die Woche Therapietermine hat. Zu diesen Terminen muss er aus dem über 500 Kilometer entfernten Dorf, in dem er lebt, anreisen, ohne dass ihm die entsprechenden finanziellen Mittel dafür bereitgestellt werden.


„…ich hatte keinen Ausweg. Ich wollte auf keinen Fall nach N. zurück, das wäre für mich das Ende gewesen. Hier war es auch nicht so, ich konnte mit dieser Situation hier auch nicht so weitermachen. Das war furchtbar und das alles mit dieser Vorgeschichte aus dem Iran. Warum sollte mir so was passieren? Was habe ich gemacht?“


Erst zwei Jahre später wird sein Antrag schließlich bewilligt und Reza Y. darf offiziell nach Berlin ziehen. Die aufenthaltsrechtliche Situation von Reza Y. ist jedoch nach wie vor unsicher, er lebt nun bereits seit fast 10 Jahren als geduldeter Flüchtling in Deutschland. Reza Y. hat sich zwar mittlerweile in vielen Bereichen Handlungsmöglichkeiten und Perspektiven ausbauen können, seine gesamte Lebenssituation bleibt jedoch überschattet durch den seit vielen Jahren andauernden unsicheren Aufenthaltsstatus, der seine Pläne und Ziele in enge Grenzen verweist. Die Verwirklichung seiner Vorhaben ist so von äußeren Faktoren abhängig, auf die er keinen Einfluss hat und ihn in eine passive und hilflose Position drängen: „…das liegt nicht in meiner Hand. Ich weiß nicht, was ich machen soll..., ich bin nicht zu 100 Prozent an meinem Leben beteiligt. Das ist fast alles, was mich beschäftigt und beschäftigt hat. [...] Es gibt manche Momente, wo man keine Kraft mehr hat, das muss ich sagen.“



Auszug aus dem Interview:

[...]

Reza Y.: Ich war für lange Zeit ganz alleine in einer Wohnung. In dieser Wohnung waren viele Flüchtlinge aus anderen Ländern.


- Das war aber eine richtige Wohnung, kein Wohnheim?


Reza Y .:- Nein, kein Wohnheim, das war eine Wohnung mit zwei Etagen. Zuerst war ich in einer Wohnung, da hatte ich keine Nachbarn. Die war auf einer Straße zwischen zwei kleinen Dörfern, auf einer Landstraße. Ich hatte keine Nachbarn, kein Geschäft, nichts. Das nächste Dorf, wo ich einkaufen konnte, das war ein ‚Kaisers’ oder so, ein ganz teures Geschäft. Es gab auch keinen Bus. Wenn ich einkaufen wollte, musste ich drei oder vier Kilometer laufen. Das war richtig schwer und furchtbar.


- Du kanntest dort auch niemanden?


Reza Y.: Nein, ich kannte dort niemanden. Gut, ich konnte auch nur englisch sprechen, aber es gab dort auch keinen Menschen. Mein erster Nachbar auf der rechten Seite war 300 Meter weit von mir in einem Haus, auf der anderen Seite waren sie 400 Meter entfernt von mir. Die Mitbewohner waren alle immer weg, die waren aus anderen Ländern aus Jugoslawien, aus Afrika. Die waren alle weg und ich war immer alleine zu Hause. Die hatten alle Freunde oder Bekannte in anderen Städten und ich war immer alleine. Das war lange Zeit so. Ich habe diese Situation wirklich für lange Zeit gehabt.


- Wie ging es dir damit?


Reza Y.: Furchtbar. Irgendwann hatten wir eine große Chance. Ich habe vielmals einen Antrag gestellt, dass ich von hier umziehen will, weil ich isoliert bin und keinen Kontakt habe. Ich konnte so nicht mehr. Aber der Antrag wurde immer abgelehnt. Zum Glück wollte der Besitzer von diesem Haus das Haus verkaufen und ich habe eine Party gemacht, dass wir aus diesem Haus rausgehen. Dann hat uns das Sozialamt eine Wohnung in diesem kleinen Dorf gegeben. Das war auch nicht so gut. Die ganzen Jahre wo ich in N. war, die ganzen Jahre, das war eine schlechte Zeit, eine sehr schlechte Zeit. Außer das erste Jahr, ein Jahr ist das kein Problem. Das war gut, dass ich ein Jahr Ruhe hatte, ich konnte gut deutsch lernen und ein paar andere Sachen machen, ich habe meinen Führerschein gemacht. Das war gut, aber dann, mehr als ein Jahr war nicht machbar. Das war eine negative Einwirkung. Irgendwann habe ich mich nicht mehr gut gefühlt, auch körperlich. Ich war dann bei einem Arzt und habe meine Beschwerden erzählt, wie es mir geht. Er hat dann einen Bluttest und alles gemacht. Er hat mir dann gesagt, dass ich körperlich gesund bin. Mein Problem ist nicht körperlich, mein Problem ist seelisch. Bis zu diesem Moment hatte ich keine Ahnung von ernsten seelischen Problemen. Ich wusste nicht, was Depression heißt. Er hat mir Medikamente verschrieben und ich habe gesehen, dass er mir Schlaftabletten verschrieben hat, weil ich nicht schlafen konnte. Ich kannte diese Medikamente aus dem Iran, ältere Menschen nehmen manchmal so was. Was soll das? Schlaftabletten, was ist mit mir passiert?


- Du warst schockiert?


Reza Y.: Ja, ja. Das habe ich aber nicht eingenommen. Tag für Tag hat sich meine Gesundheit verschlechtert und ich habe versucht, von da herauszugehen, gesetzlich.

 

- Du wusstest nicht, was mit dir los war?


Reza Y.: Nein, ich wusste, dass ich meine Situation ändern soll. Wenn das so bleibt, wird es schlimmer. Der Arzt hat mir das gesagt und ich wusste das auch. Deshalb habe ich angefangen zu versuchen meine Situation zu ändern und das hat drei Jahre gedauert, dann bin ich nach Berlin gegangen. Ich hatte einen Antrag gestellt, dass ich nach Berlin umziehen will und ich hatte meine Gründe, aber die haben wie immer abgelehnt, drei Jahre lang. Ich habe den Antrag vielmals gestellt und dann irgendwann haben sie angenommen. Berlin hat eine weitere Duldung erteilt und ich bin nach Berlin gekommen.